Weltweite Bestürzung : Taizé-Gründer Bruder Roger erstochen

Der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, Frère Roger, ist bei einem Attentat getötet worden.

Dijon/Paris (17.08.2005, 15:23 Uhr) - Der 90- jährige Geistliche wurde am Dienstag während des Abendgebets vor den Augen entsetzter Gläubiger von einer offenbar geistesgestörten Frau erstochen. Die Tat löste bei ranghohen Kirchenvertretern und Politikern in aller Welt Bestürzung aus. Roger soll am nächsten Dienstag in Taizé bestattet werden.

Die 36-jährige Rumänin hatte sich an den 90-Jährigen herangeschlichen und ihm drei tödliche Messerstiche in Rücken und Hals zugefügt. Das teilte die Polizei in dem zwischen Dijon und Lyon gelegenen burgundischen Dorf mit. Nach der Tat habe sie sich widerstandslos festnehmen lassen. Die Frau gab am Mittwoch im Verhör an, sie habe die Aufmerksamkeit Rogers auf sich ziehen, ihn aber «nicht töten wollen». Der Staatsanwalt von Mâcon, Jean-Louis Coste, sagte, die Täterin habe am Montag in Cluny bei Taizé ein Messer gekauft und somit möglicherweise die Tat geplant. Roger erlag trotz schneller Erster Hilfe innerhalb weniger Minuten seinen schweren Verletzungen.

Die Nachricht von seinem Tod überschattete auch den Weltjugendtag in Köln. Kardinäle und viele Gläubige gedachten seiner. Papst Benedikt XVI. äußerte sich in Rom tief erschüttert über die «schauerliche Nachricht» und betete für den getöteten Bruder. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, nannte es eine «unbegreifliche Tat». Er würdigte Roger als einen Mann, der sein Leben der Botschaft Jesu von der Versöhnung aller Menschen gewidmet habe. Mit «fassungsloser Bestürzung» reagierte auch der Ratschef der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber.

In einem Beileidstelegramm schrieb Bundespräsident Horst Köhler, die «unfassbare» Tat habe einen Menschen getroffen, «der zeitlebens für Brüderlichkeit, für Verständigung und vor allem für Gewaltlosigkeit eingetreten ist». Roger habe in Taizé einen Ort geschaffen, «an dem gerade junge Menschen Orientierung für ihr Leben finden konnten». Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nannte den evangelischen Geistlichen «eine der großen religiösen bedeutsamen Persönlichkeiten der Gegenwart». Rogers Vorbild und seine Ziele blieben unvergessen und wirkten weiter.

Auch Frankreichs Präsident Jacques Chirac äußerte sich erschüttert über Rogers Tod. «Dieser Mann des Glaubens hat sein Leben lang eine Botschaft von Frieden und Dialog vermittelt», sagte der Präsident nach Angaben des Präsidialamtes. Der belgische Kardinal Godfried Danneels bezeichnete den Tod Rogers als «einen großen Verlust». Der Erzbischof von Mechelen-Brüssel hatte die Gemeinschaft von Taizé regelmäßig besucht und dort wiederholt Priester geweiht.

Nachfolger Rogers als Oberhaupt von Taizé wird der deutsche Katholik Bruder Alois (51) aus Stuttgart, der seit 32 Jahren zur Gemeinschaft von Taizé gehört. Er kehrte vom Weltjugendtag sofort nach Taizé zurück, wo gegenwärtig etwa 2500 Jugendliche aus aller Welt versammelt sind. Roger hatte Alois bereits vor acht Jahren zu seinem Nachfolger ernannt.

In Frankreich und international war Frère Roger wegen seiner ideologiefreien Lebenseinstellung besonders bei Jugendlichen hochangesehen. Die Pariser Zeitung «Le Parisien» berichtete, Roger habe seine Funktionen aus Altersgründen noch in diesem Jahr aufgeben wollen. In seinem letzten Brief an die Jugend in Taizé heißt es: «Gott bereitet für Euch eine Zukunft des Friedens und nicht des Unglücks vor. Gott will, dass Ihr Zukunft habt und Hoffnung.» (tso)

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