Welt : Wem das Glück aus dem Ruder läuft

Kai Müller

Sie wussten, dass sie "zu radikal" waren. Aber die schwedische Yacht "SEB", die ihrem ersten Etappensieg beim Volvo Ocean Race entgegen segelte, konnte sich keine Blöße geben. Sie hatte einen hartnäckigen Verfolger. In Sichtweite, weniger als zehn Seemeilen entfernt, pflügte die deutsche "Illbruck" durch das Heckwasser. Und wartete nur darauf, dass dem Team um Gunnar Krantz irgendetwas dazwischen kam. Prompt geschah es: In einer heftigen Gewitterbö lief die 60-Fuß-Yacht aus dem Ruder, der gewaltige Spinacker, der das Boot wie ein Fallschirm hätte nach vorne ziehen soll, riss die "SEB" auf die Seite, binnen Sekunden herrschte ein unbeschreibliches Chaos.

Die Folgen dieses Missgeschicks waren unabwendbar: Die "Illbruck" zog vorüber, als die Schweden versuchten, das zerfetzte Tuch zu bergen und eine Schot frei zu bekommen, die sich um das Ruder gewickelt hatte. Der Sieg war dahin. Dachten die einen. In John Kostecki, dem amerikanischen "Illbruck"-Skipper, wuchs derweil die Gewissheit, dass ihm der zweite Etappensieg in Folge nicht mehr zu nehmen sein würde. Kurz vor Mittag australischer Zeit lief der vom deutschen Unternehmer Michael Illbruck finanzierte Racer in Sydney über die Ziellinie. Die 12-köpfige Crew, zu der als einzigem deutschen Rennteilnehmer der Hamburger Tony Kolb zählt, untermauerte damit ihre Favoriten-Rolle. Sie führt in der Gesamtwertung mit 16 Punkten vor der australischen "News Corp" (12) und dem finnisch-itlaienischen Nautor-Syndikat "Amer Sports One" (11). Die "SEB" (10) konnte sich auf den vierten Platz verbessern, während die als Titelaspiranten gehandelten "Assa Abloy" (7) enttäuschten und auch "Djiuce Dragons" (7) den Punkten nach wie vor hinterher segelten. Abgeschlagen auf dem achten und letzten Platz liegt die einzige Frauen-Crew ("Amer Sports Too" / 3), die erneut mit einem Rückstand von über 600 Meilen ins Ziel gelangt. Die "Tyco" (6) von den Bermuda Islands gab wegen Ruderschadens vorzeitig auf.

Für die "Illbruck" kam der neuerliche Etappenerfolg bei einem der schwersten Segelwettrennen der Welt allerdings unverhofft. Denn schon wenige Stunden nach dem Start der zweiten Etappe in Kapstadt lief die Bugsektion der im Leverkusener Illbruck-Werk gebauten Yacht voll Wasser. Ein Inspektionsverschluss war in der heftigen See verlorengegangen. "Wir nahmen so viel Wasser, dass wir befürchteten zu sinken", berichtete Kostecki, der daraufhin erwog, das Rennen abzubrechen. Doch der gelernte Bootsbauer Tony Kolb sägte ein Stück Kunststoff aus dem Schiffsrumpf und dichtete damit das Leck provisorisch ab. "Noch fünf Minuten, und wir wären richtig in Schwierigkeiten geraten", meinte Wachführer Mark Christensen.

Die Mannschaft ließ sich durch den frühen Rückschlag jedoch nicht entmutigen. Auch dass wenig später sämtliche Windmessinstrumente vom Mast gefegt wurden, konnte sie in ihrer Aufholjagd nicht behindern. "Es ist ein brutales Rennen", gestand Kostecki, "der Körper zahlt seinen Preis." Die Route über 6550 Meilen von Kapstadt nach Sydney führte durch den tückischen, für seine harten Stürme berühmten Südozean. Die Wassertemperaturen liegen nahe des Gefrierpunkts, Eisberge kreuzen den Weg, und die Segler versuchen, jene ausgeprägten Tiefdruckgebiete abzupassen, die ungehindert über die südliche Erdhalbkugel wandern. Spitzengeschwindigkeiten von nahezu 35 Knoten (was 65 Stundenkilometern entspricht), lassen die flachen Bootsrümpfe wie Surfbretter die Wellenberge hinabrauschen, wobei Brecher unablässig auf die Deckscrew einstürzen. Der "SEB" gelang unter diesen Bedingungen eine neue Bestmarke für VO 60-Boote, indem sie 460 Seemeilen in 24 Stunden zurücklegte.

Am elften Renntag meldete Skipper Grant Dalton von der "Amer Sports One" die ernsthafte Erkrankung eines Crew-Mitglieds. Der Bordarzt diagnostizierte Verdacht auf Darmverschluss. Doch das Regattafeld befand sich weit außerhalb der Reichweite für Rettungskräfte. Ein Flugzeug warf lediglich Medikamente ab, bevor der Segler bei Eclipse Island geborgen werden konnte.

Nach dieser Felseninsel an der Südwestküste Australiens, die als Wegmarke umrundet werden musste, rückte das Feld der sieben Yachten wieder zusammen. Praktisch wurde die Etappe neu gestartet, da in der windschwachen Australischen Bucht vor allem die Taktiker über den Fortgang des Rennens entschieden. "SEB" und "Illbruck" entschlossen sich, weit nach Süden auszuholen, während der Rest der Flotte eine direkte, östliche Route wählte. Die Ausreißer wurden belohnt mit einem ständig wachsenden Vorsprung. Der blieb auch in der Bass Strait zwischen Tasmanien und australischem Festland erhalten, die für ihre bösartigen Wetterumschwünge gefürchtet wird. Als die "SEB" schließlich von einer Bö überrascht und aus dem Kurs geschmissen wurde, war die Vorentscheidung gefallen.

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