Welt : Wen das Böse lockt

Baader schwängerte in Haft eine Frau. Macht Gewalt attraktiv?

Katja Füchsel

Seinem Ruf als Macho, als notorischer Frauenheld ist der RAF-Terrorist Andreas Baader offenbar selbst in der Isolationshaft von Stammheim treugeblieben. Bei den Wachleuten soll es damals jedenfalls als offenes Geheimnis gegolten haben: Dass eine seiner Anwältinnen Baader verfallen war, dass er sie 1976 regelmäßig zum Stelldichein ins Gefängnis bestellte und schließlich mit der Juristin in der Zelle ein Kind zeugte. So jedenfalls erzählt es der ehemalige Stammheimer Vollzugsbeamte Horst Bubeck dem Nachrichtenmagazin „Focus“ in seiner neuesten Ausgabe.

Es ist ja nur schwer zu glauben, dass man gerade für den RAF-Terroristen im Hochsicherheitstrakt von Stammheim regelmäßig eine Ausnahme zum Zwecke des Liebedienstes gemacht haben soll. Dass verurteilte Mörder aber eine ganz besondere Anziehungskraft auf einen Teil der weiblichen Bevölkerung ausüben, zählt in den Gefängnissen zur täglichen Erfahrung. Egal, ob Top-Terrorist Carlos oder die mehrfachen Mörder Thomas Holst, Frank Schmökel, Dieter Zurwehme – kaum im Gefängnis eingesperrt, sind sie alle von Liebesbriefen nur so überhäuft worden, heirateten zuweilen später sogar ihre Verehrerinnen. Hinter Gittern.

Wie beispielsweise der „Heidemörder“ Thomas Holst, der vor sechs Jahren mit seiner früheren Therapeutin Tamar Segal vor den Standesbeamten trat. Die Frau hatte dem dreifachen Frauenmörder 1995 sogar zur Flucht verholfen, musste sich dafür auch vor Gericht verantworten. Im Prozess sagte die heute 46-Jährige, sie hätte Holst aus Mitleid in die Freiheit entlassen und eine Wohnung besorgt. „Ich wollte diesem Menschen aus Nächstenliebe zu einer Therapie verhelfen.“ Im Gegensatz zu ihren Kollegen hielt Segal den Gefangenen für behandel- und heilbar. Später lernte sie ihren Patienten mehr noch als jeden Nächsten lieben. „Thomas ist der erste Mann, in den ich mich verliebt habe. Für eine Lesbe ist das ein etwas merkwürdiges Gefühl“, erklärte die Psychotherapeutin vor der Hochzeit.

Frank Schmökel (41) ist ein Vergewaltiger, Kinderschänder, Mörder – und fleißiger Briefeschreiber. In „Die christliche Familie“ hat der Gewaltverbrecher eine Annonce aufgegeben: „In meiner Angst vor Frauen habe ich schlimme Straftaten begangen, die mir heute sehr Leid tun. Suche aus diesem Grund Frau passenden Alters, die wie ich christlichen Glaubens ist und auch an das Gute im Menschen glaubt. Mein Ziel - eine christliche Familie.“ Als Schmökel das letzte Mal 2002 wegen Mordes auf der Anklagebank saß, pflegte er Kontakt zu etwa 20 Brieffreundinnen, zwischen 13 und 72 Jahre alt, darunter: Angelina. Wochenlang tingelte die damals 24-Jährige durch die Talkshows und erklärte: Ich will Frank Schmökel heiraten!

Damals beschäftigte sich auch Peter Schmidt, ein Psychoanalytiker, mit dem fast weltweit zu beobachtenden Phänomen und kam zu dem Schluss: Viele Frauen, die Briefe schreiben wie Angelina, legen sich Geschichten zurecht, sehen nur, was sie sehen wollen. Einige reden mit den Männern nie über die Tat, sagt Schmidt. Manchmal sind es gut situierte ältere Damen, die Häftlingen die Ehe anbieten. Sie wollen jemanden retten, etwas Gutes tun und glauben fest an die Unschuld. Schmidt kennt keine Zahlen, aber das Phänomen sei sehr häufig, sagt er. Meistens träfe es Frauen, die sich selbst überschätzen, glauben, nur sie könnten diesen Männern helfen.

Die Chancen stehen recht gut, dass die Illusion von der großen Liebe, vom Füreinandergeschaffensein nie mit der Realität konfrontiert wird. Holst sitzt voraussichtlich für immer hinter Gittern, Schmökel und der mehrfache Mörder Dieter Zurwehme – er hat 2001 eine seiner Brieffreundinnen geheiratet – auch. Niemand weiß, wie viele Menschen der Top-Terrorist Carlos töten ließ, aber auch er kann sich vor Angeboten kaum retten. Seine Anwältin kündigte im letzten Jahr ebenfalls an, dass sie ihren Mandanten, der in Frankreich zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, zu heiraten gedenke. Freunde wie Feinde fragten die Juristin oft, wie sie sich in diesen Mann verlieben könne, worauf sie erklärte: „Ich bitte Sie! Es ist doch keiner, der ein junges Mädchen vergewaltigt hat. Und er ist kein Mörder. Carlos ist ein politischer Gefangener.“

Eine Auslegung, die sich vielleicht auch Baaders Verteidigerin damals im Deutschen Herbst zu Eigen gemacht hat. Eine Liaison, nicht geschaffen für das reale Leben, wie die Vollzugs-Beamten in Stammheim belauscht haben wollen: Als die Anwältin Baader von ihrer Schwangerschaft berichtete, sei es zwischen den Liebenden zum Streit gekommen und der RAF-Terrorist habe sich von seiner Anwältin getrennt. Im Oktober 1977 wurde demnach das Kind geboren. Wenige Wochen später beging Baader Selbstmord.

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