Welt : Wenming chengshi – Manieren für Peking

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Von Harald Maass, Peking

Für Pekings Männer ist dies ein besonders heißer Sommer. Als Vorbereitung auf die Olympiade 2008 haben Medien und Behörden nämlich ein neues Übel entdeckt: Männer mit nackten Oberkörpern. Deren Gewohnheit, in der Sommerhitze das Hemd auszuziehen, sei „nicht nur für das Image als Hauptstadt schädlich" sondern auch „unzivilisiert", kritisiert die „Pekinger Jugendzeitung". Mit einer Kampagne will das Blatt den Pekingern die vermeintliche Unsitte abgewöhnen. Täglich strömen Dutzende Reporter der Jugendzeitung aus, um die halb nackten Männer auf frischer Tat zu überführen. Die Männer bekommen von den Journalisten ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich gehöre zu denen, die Peking verschönern!" überreicht. Wer sich weigert, den Oberkörper zu bedecken, wird am nächsten Tag mit einem Foto in der Zeitung angeprangert.

Mehr als 100 so genannte „Zivilisations-T-Shirts" seien bereits verteilt worden, meldet die Zeitung. Die Bevölkerung wird aufgerufen, sachdienliche Hinweise zu geben. Für Informationen über Orte, an denen sich „Männer mit freien Oberkörpern konzentrieren", verschenke die Zeitung 100 Yuan (12 Euro) sowie ein T-Shirt. „Auf einem Rundweg kam ein Mann mit einem kleinen Bauch direkt auf uns zu", berichtet ein Reporter aus den Wäldern des Duftberges außerhalb der Stadt. Der Mann habe seinen Fehler „sofort realisiert" und sein Hemd angezogen. Ein anderes Mal entdeckten die Journalisten einen kleinen Jungen, der sich im Schatten ausruhte. „Unsere Lehrer sagen, dass ein nackter Oberkörper nicht zivilisiert sei", zitiert das Blatt den reuigen Sünder. „Ich verspreche, dass es kein zweites Mal passiert."

Männer ohne oder mit offenem Hemd oder mit hochgekrempelten Hosenbeinen sind ein alltägliches Bild in Peking. „Bang Ye" werden sie genannt – „Oberarm-Männer". Im Sommer steigt in Peking das Thermometer oft auf über 35 Grad, in der Stadt wird es unerträglich schwül. In den Altstadtgassen gibt es keine Klimaanlagen und meist auch keine private Duschen in den Häusern. Um sich abzukühlen, sitzen die „Bang Ye" deshalb abends vor den Häusern.

Die T-Shirt-Aktion ist Teil einer Kampagne, mit der die Stadtregierung die 13-Millionen-Metropole auf die Olympiade 2008 vorbereitet. Unter dem Motto „wenming chengshi" („zivilisierte Stadt") wird seit vergangenem Jahr die Hauptstadt umgekrempelt. Altstadtviertel werden abgerissen, um Platz für moderne Betonsiedlungen zu schaffen. An unzähligen Baustellen bessern Bauarbeiter die Straßen aus und graben Gärtner die Grünanlagen um. Als das Internationale Olympische Komitee seine Inspektoren nach Peking schickte, wurde sogar der vertrocknete Rasen mit grüner Farbe besprüht. Im Blick der Planer steht auch die Pekinger Bevölkerung, die bis 2008 olympiatauglich sein soll. Die in China verbreitete Sitte, auf der Straße auszuspucken, wurde verboten. In Fernsehspots lernen chinesische Raucher erstmals, dass sie auf Nichtraucher Rücksicht nehmen müssen.

„Wir müssen Peking ein neues Image geben", erklärte Bürgermeister Liu Qi. „Obwohl diese Gewohnheiten nur eine kleine Schwäche sind, reflektieren sie einen dunklen Flecken in unserer geistigen Zivilisation." Zivilisation hin oder her – angesichts der brütenden Sommerhitze lassen viele Pekinger Männer ihre Hemden trotzdem aus. Als die Reporter der Jugendzeitung einen jungen Mann beim Spaziergang auf seinen freien Oberkörper ansprechen wollten, ging der Mann einfach weiter. Brüskiert berichteten die Journalisten: „Als wir ihn fragen, ob er zivilisiert sei oder nicht, sagte er nur: ,Es ist heiß und der Rest ist mir egal!’"

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