Welt : Wenn das ein voller Zug gewesen wäre

EBERHARD LÖBLICH

STENDAL ."Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Zug voll besetzt gewesen wäre!", sagt die Bahnsprecherin.Aber die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke der Deutschen Bahn AG zwischen Berlin und Hannover befindet sich noch im Erprobungsbetrieb, und so saß lediglich ein Lokführer auf dem Zug, der in der Nacht zum Montag mit 200 km/h auf einen Materialwagen von Schienenbaumonteuren fuhr.

Der sogenannte Schienenrollwagen tauchte ganz plötzlich vor dem Lokführer auf, seine sofort eingeleitete Notbremsung konnte nichts mehr verhindern."Durch eine solche Notbremsung und den anschließenden Aufprall auf ein Hindernis wären Fahrgäste im Zug wie Spielpuppen durcheinandergewirbelt worden", meinen Bahnexperten."Gepäckstücke wären wie Geschosse durch die Luft geflogen." Mit erheblichen Verletzungen der Zugreisenden, im schlimmsten Falle gar mit Todesfällen wäre zu rechnen gewesen.

Wie hart der Aufprall des Zuges auf den Rollwagen war, mag man daran ermessen, daß dieser bislang nicht gefunden werden konnte."Vermutlich wurde er von den Schienen gefegt und in die Elbe geschleudert", vermutet man in der Pressestelle der Bahn in Halle/Saale.Angesichts dieser Wucht des Aufpralls grenze es an ein Wunder, daß dem Lokführer nichts passiert sei.

Gestern morgen konnte zunächst niemand erklären, wie es zu dem Unfall gekommen war.Die sofort eingeleiteten Ermittlungen von Bundesgrenzschutz und Eisenbahnbundesamt führten zu dem vorläufigen Ergebnis, daß ausschließlich die Gleisbaufirma die Verantwortung trägt.Die hatte zwar einen Auftrag für Arbeiten am Gleiskörper der Strecke in Höhe der Elbbrücke bei Hämerten unweit von Stendal."Aber die Mitarbeiter der Firma haben ohne eine konkrete Betriebs- und Bauanweisung mit den Arbeiten begonnen", sagte ein BGS-Sprecher.Die ist nötig als Zusicherung, daß während dieser Arbeit sichergestellt ist, daß auf der Strecke kein Verkehr erfolgt, der die Gleisbau-Monteure gefährden könnte.So aber können die drei Monteure des Unternehmens nur von Glück reden, daß sie die nächtliche Begegnung mit dem Zug unversehrt überstanden haben."Die haben den heranrasenden Zug zum Glück früh genug bemerkt und konnten sich mit Sprüngen in die Böschung in Sicherheit bringen", so der BGS-Sprecher.Der Bundesgrenzschutz habe gegen die Firma Strafanzeige gestellt.

"An der Zugmaschine und am Gleiskörper sind durch den Aufprall erhebliche Schäden entstanden", sagte die Sprecherin der DB-Regionalniederlassung Halle/Saale.Trotz der Vollbremsung und des Hindernisses sei der Zug erst zwei Kilometer westlich der Unfallstelle zum Stehen gekommen.Die stark beschädigte Lok wurde ins Reichsbahnausbesserungswerk Stendal geschleppt.Das nördliche Gleis in Richtung Berlin-Hannover bleibt bis auf weiteres gesperrt, auf dem Gegengleis in Richtung Berlin ist bereits gestern vormittag wieder der Probefahrtbetrieb aufgenommen worden.

Die ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Berlin und Hannover ist erst vor knapp einer Woche durch eine gemeinsame ICE-Sonderfahrt von Bundeskanzler Helmut Kohl mit dem Vorstandsvorsitzenden der DB AG, Johannes Ludewig, von Berlin nach Hannover feierlich eingeweiht worden.Bundeskanzler und Bahnchef nebst großer Medienbegleitung waren bislang die ersten Fahrgäste auf der Neubautrasse, die erst für den Probebetrieb freigegeben ist.Deshalb gab es auch trotz des Unfalles keine nennenswerten Beeinträchtigungen im Verkehr.Der reguläre ICE-Verkehr soll erst ab dem 27.September, also dem kommenden Sonntag, über die neue Trasse rasen.Dann aber mit 250 km/h.

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