Welt : Wenn das Weltall staubt

Heute sind unzählige Sternschnuppen zu sehen

Paul Janositz

„Stellen Sie in der kommenden Nacht den Liegestuhl auf Balkon oder Terrasse und genießen sie das kosmische Feuerwerk“, empfiehlt Martin Neumann vom Heidelberger Max-Planck-Institut für Astronomie. Ein Glück, dass wir gerade so heißes Sommerwetter haben. Da ist es auch um Mitternacht noch warm. Denn dann wird der Höhepunkt des Sternschnuppenregens erwartet. Wie jedes Jahr zwischen Mitte Juli und Ende August bringen uns die Perseiden zum Staunen. Und Wünschen darf man ja auch was. Hoffentlich gehen sie in Erfüllung.

Wer sich aber bei jeder Sternschnuppe was wünschen will, braucht ein gutes Gedächtnis oder eine lange Liste. Etwa alle zwei bis drei Minuten könne man eine deutlich sichtbare Schnuppe erwarten, sagt Dieter Herrmann, Direktor der Archenhold-Sternwarte in Treptow. Die besten Aussichten biete der Blick nach Nordosten, denn von dort – aus dem Sternbild Perseus – kommen die kosmischen Boten.

Es sind winzige Teile des Kometen 109P/Swift-Tuttle, dessen Bahn die Erde kreuzt. Wie alle Kometen stellt man sich den Schweifstern am besten als schmutzigen Schneeball vor, der aus Wasser-Eis, gefrorenen Gasen und Staub zusammengebacken ist. Auf seiner elliptischen Bahn kommt der im Durchmesser 20 Kilometer große Komet immer wieder in Sonnennähe, wie es letztmals 1992 geschah. Die Sonnenhitze bringt das Kometen-Eis zum verdampfen. Feste Partikel – meist ein Zehntel Millimeter bis wenige Millimeter groß – werden freigesetzt. Auf diese Weise entsteht eine Staubspur im Weltall.

Die kosmischen Partikel, auch Meteoriden genannt, prallen nun in etwa 100 Kilometern Höhe auf die irdische Atmosphäre wie Schneeflocken auf die Frontscheibe eines Autos. Allerdings mit viel höherem Tempo. „Die Staubteilchen sind bis zu 60 Kilometer pro Sekunde schnell“, erklärt Astronom Neumann. Das sind umgerechnet mehr als 200 000 Stundenkilometer. Beim Zusammenstoß mit der Lufthülle entsteht so viel Reibungswärme, dass die Partikel verdampfen. Die umliegenden Luftmoleküle leuchten auf. „Es kann sehr hell werden“, sagt Neumann, so hell wie das Licht der Sterne am Himmel.

Ganz gut kann man das Spektakel in dunkler Umgebung beobachten. „Auf dem Ku’damm oder Alexanderplatz ist es nicht so günstig“, sagt Sternwartenleiter Herrmann. In den finsteren Grunewald braucht man aber auch nicht zu gehen. Wichtig ist es, einen möglichst großen Ausschnitt des Himmels im Blick zu haben und nicht von Licht geblendet zu werden. Also Straßenlaternen meiden, gegebenenfalls Wohnzimmerlampen ausschalten und in der etwa vierzigminütigen Zeit der höchsten Aktivität entspannt nach oben schauen. Hoffentlich gibt es nicht zu viele Wolken am Himmel. Der Mond stört nicht, weil er gerade abnimmt. Seine schmale Sichel erscheint erst in den frühen Morgenstunden.

„Ein Fernrohr braucht man nicht“, betont Herrmann. Das sei sogar hinderlich, weil man nicht wisse, wann und wo die nächste Schnuppe auftauche. Deshalb gibt es an der Sternwarte, anders als bei sonstigen kosmischen Höhepunkten, kein spezielles Programm für Sternenfreunde. Wer die Super-Nacht verpasst, kann noch eine Woche lang nach Sternschnuppen Ausschau halten. Ihre Intensität wird allerdings allmählich geringer.

Wem das in unseren Breiten gebotene Feuerwerk nicht reicht, sollte ostwärts reisen, wie Neumann empfiehlt. Denn in Osteuropa oder Asien kann das Schauspiel noch besser beobachten. Es gibt in der Tat Fans, die an die besten Schauplätze reisen. Bei im November zu beobachtenden Sternschnuppen-Schwärmen etwa seien Touren in die Mongolei üblich, sagt der Max-Planck-Experte. Die aus dem Sternbild des Löwen kommenden Leoniden sind dort besonders gut zu erkennen.

Andere gehen lieber in die Luft, bis zu 30 Kilometer hoch. U-2-Flugzeuge der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa fliegen den Meteoriden entgegen, um sie für wissenschaftliche Studien einzusammeln. „Diese Teilchen geben Zeugnis von den Anfängen des Weltalls“, erklärt Neumann.

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