Welt : Wenn der Damm bricht

Warum russische Alpinisten das Pamir-Gebirge erkunden und ein See zur Gefahr werden könnte

Elke Windisch[Moskau]

Hundert Meter hoch ist die Flutwelle. Mit einen Affenzahn rast sie von den schroffen Hängen talwärts, treibt Felsbrocken vor sich her und radiert in Minuten Dörfer und Städte von der Landkarte aus. Erst nach 500 Kilometern kommt sie zum Stehen. Weit unten in der dicht besiedelten Ebene Zentralasiens, wo die Wassermassen allmählich in der Wüste des Schwarzen Sandes versickern. Das ist kein Plot für einen Science-Fiction-Film, sondern ein Szenario, das „noch zu Lebzeiten unserer Generation“ grausige Wirklichkeit werden könnte, fürchtet Walerij Kusin, der Vizepräsident des russischen Nationalen Olympischen Komitees (NOK).

Kusin ist der Cheforganisator einer Expedition, die die Weltöffentlichkeit auf die drohende Katastrophe aufmerksam machen will. Gesponsert vom NOK und ein paar privaten Geldgebern brachen russische und tadschikische Alpinisten und Wissenschaftler am gestrigen Sonntag zu einer Expedition auf, die einen der letzten weißen Flecken des Globus erkunden soll. Die Südketten des Pamir-Gebirges, wo Afghanistan und die Ex-Sowjetrepublik Tadschikistan aneinander grenzen. Zu kommunistischen Zeiten Sperrgebiet, war die Region Zentrum des tadschikischen Bürgerkriegs Anfang der Neunziger, später Rückzugsgebiet für afghanische Flüchtlinge. Das Gebiet ist bis heute nur sehr umständlich mit kleinen Flugzeugen erreichbar. Pisten und Straßen führen nicht in das Gebirge.

Mehrere Sechstausender sind daher noch immer namenlos. Einen davon will die Expedition, die den Sommerspielen in Athen gewidmet ist, besteigen und auf den Namen „Olymp“ taufen. Eigentliches Ziel der Gruppe aber ist der potenzielle Auslöser der drohenden Katastrophe – der Sarzez-See.

Direkt an der Grenze zu Afghanistan in 3300 Meter Höhe gelegen, ist das 75 km lange und im Durchschnitt 190 Meter tiefe Gewässer aus zwei Gründen eine Gefahr. Einst durch einen Bergrutsch entstanden und ohne natürlichen Abfluss, steigt sein Wasserspiegel jährlich um mehrere Millimeter. Irgendwann, so fürchten Geologen, werden die Geröllmassen, die am West-Ende einen Damm bilden, dem Druck der Wassermassen nachgeben. 17 Kubikkilometer Wasser würden sich dann in die Ebene ergießen und ganze Landstriche in Tadschikistan, Afghanistan, Usbekistan und sogar Turkmenien verwüsten. Vorsichtig kalkuliert, so der Expeditionsleiter Jurij Baikowskij, sei dann mit fünf Millionen Toten zu rechnen.

Von gleich hohen Opferzahlen gehen die Forscher bei dem zweiten Horrorszenario aus: Der stetig steigende Wasserspiegel unterspüle die umliegenden Bergmassive. Als akut gefährdet gilt ein gigantischer Überhang am rechten Ufer, der sich schon bei einem früheren Bergsturz gelöst hat, bei der Talfahrt auf halbem Wege hängen blieb und momentan jedes Jahr um ein paar gefährliche Millimeter weiter nach unten rutscht. Stürzt der etwa einen Kubikkilometer große Brocken in den See, könnte er ebenfalls eine gigantische Flutwelle auslösen.

Bergsteiger und Forscher wollen sich daher vor allem auf Beobachtungen unter Wasser konzentrieren. Und betreten damit absolutes Neuland. Wie das Sauerstoffgemisch in der Flasche beim Tauchen in Höhen von über 3000 Meter reagiert, ist bisher nicht bekannt. In einer Tiefe unter 150 Meter wird daher ein Roboter mit ferngesteuerter Kamera arbeiten.

Das Problem, so NOK-Vize Kusin, sei schon zu Sowjetzeiten bekannt gewesen, aber tot geschwiegen worden. Und das kriegszerrüttete Tadschikistan, eines der ärmsten Länder der Welt, sei aus eigenen Kräften nicht in der Lage, damit fertig zu werden. Wenn man sich jetzt nicht systematisch mit dem Problem beschäftige, warnte Kusin, renne die Zeit davon. Schon die nächste Expedition könnte womöglich bloß noch zur Abschätzung des Schadens ausrücken.

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