Welt : Wenn der Gebrauchtwagen zum Youngtimer wird...

...kann ihn das vor der Schrottpresse retten. Liebhaber und Fanclubs hegen Alltagsautos aus den 70er und 80er Jahren

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Berlin Sein Auto ist für Hans-Jürgen Gödecke in erster Linie ein Gebrauchsgegenstand: zuverlässig, geräumig und leicht zu reparieren. Doch sein silberfarbener VW K70 ist ein Hingucker. Anerkennend nicken andere Autofahrer während der Rotphase an einer Ampel, manche runzeln die Stirn. „Viele fragen sich, welche Marke das ist“, sagt der Berliner, schließlich sehe sein Gefährt überhaupt nicht nach Volkswagen aus. Der kantige Viertürer lauert an der Haltelinie auf „Grün“. Mit einem Tritt aufs Gaspedal greifen 75 PS in die Räder – der Motor grollt, als wären es doppelt so viele.

So genannte Youngtimer wie Ford Capri, Opel Rekord oder eben VW-Modelle aus den 70ern brausen wieder über deutsche Straßen. Aber was bringt Menschen dazu, freiwillig einen ziemlich hässlichen Ford Grenada zu fahren? Die einen mögen diese Autos wegen des 70er Designs, andere verbinden damit persönliche Erinnerungen. So wie Hans-Jürgen Gödecke, K70-Fan der ersten Stunde. Der 54-Jährige ist Vorsitzender der Oldtimer-Garage Berlin/Brandenburg, eines markenoffenen Vereins mit 60 Mitgliedern. Er kennt die Szene, Autos aus den verschiedensten Baujahren gehören zum Fahrzeugpark des Vereins. Die oft klobigen, manchmal sportlichen und hin und wieder auch kitschigen Kult-Karossen sind zwar nicht jedermanns Sache, Aufmerksamkeit erregen sie aber allemal.

Als beliebte Youngtimer gelten auch Porsche- und Mercedes-Modelle, weiß Dirk Johae vom Automobilclub AvD zu berichten. In der Szene seien offene und sportliche Autos gefragt – und stammten oft von den Nobelfirmen. Sportlich kommen aber auch bürgerliche Coupés wie der Opel GT daher. Ein einzelnes Trendauto lasse sich nicht benennen. Dem Fahrer eines Youngtimers gehe es in erster Linie darum, sich von der Masse abzugrenzen, was ihm in der Tat gelingt, und: „Man interessiert sich für Autos, die man als Kind erlebt hat.“

Ab welchem Alter ein Auto vom Young- zum Oldtimer wird, lässt sich nicht genau sagen. „Es gibt Leute, die behaupten, nur Autos aus Vorkriegszeiten wären echte Oldies“, sagt Hans-Jürgen Gödecke. Das Gesetz definiert ein historisches Fahrzeug ab einem Alter von 30 Jahren, dann gibt es ein „H“-Nummernschild und steuerliche Vergünstigungen. Bis dahin kostet ein Youngtimer eine Menge: an Steuern, an Versicherung und je nach Hubraum auch an Benzin. Der materielle Wert eines solchen Fahrzeuges sei nicht groß, der ideelle um so mehr.

Fanclubs für Autos ab 20 Jahren gibt es viele; die meisten sind markengebunden. Der Commodore-B und Rekord-B-Club Deutschland zum Beispiel pflegt das Erbe der Rüsselsheimer Opel-Schmiede. Alle sechs Wochen treffen sich die Mitglieder zum Stammtisch, jedesmal an einem anderen Ort in Deutschland. „Natürlich halten die Autos auch längere Strecken aus“, erzählt der Vorsitzende Thomas Woyan. Die Fahrzeuge seien sehr robust, kommen ohne technische Gimmicks wie ABS und ESP aus. Für den Notfall reiche es, wenn der Fahrer Schraubenschlüssel und Hammer dabei habe.

Einmal pro Jahr geht es auf große Reise, zum Wochenend-Ausflug in die schönsten Ecken Deutschlands. Dabei wird gereist und nicht gerast; die Opels aus Woyans Verein rollen höchstens mit hundert Stundenkilometern übers Land. Sehen und gesehen werden ist angesagt, bevor die Youngtimer-Kapitäne abends zwischen Zelt, Wohnwagen und Natur zusammensitzen. Sogar einen Pokal gibt es: für das schönste Auto.

Die Garage für Gödeckes K70 befindet sich in der Berliner Daumstraße. Einige Meter weiter, auf dem Werkstatthof eines Reifendienstes, demonstriert Gödecke die Vorteile eines Youngtimers. Er öffnet die Motorhaube, unter der ein sehr übersichtlicher Raum zum Vorschein kommt. Aufgeräumt liegen die Zylinder zwischen Kühler und Vergaser, die Konstrukteure haben sich aufs Wesentliche beschränkt. „Ich kann innerhalb einer halben Stunde die Kupplung wechseln“, sagt Gödecke, derkein ausgebildeter Mechaniker ist. Auf Grund dieser Einfachheit sollte der K70 eigentlich nie gebaut werden. „Das Auto, das nicht kommt“, prangt auf einer alten Ausgabe des Magazins „Auto Motor Sport“, die Gödecke zum Beweis präsentiert. Ein ungeliebtes Kind Wolfsburgs sei der K70 gewesen, und wohl deshalb habe er dieses Fahrzeug lieb gewonnen. Das Auto war um 1970 auf dem Reißbrett der NSU-Werke entstanden, einziger Beitrag von VW nach Übernahme dieser Firma sei das Emblem gewesen. Während Gödecke neueren Modellen keine Chance gibt, zum Klassiker zu werden, hat AvD-Experte Johae schon einen Favoriten für die nächste Generation ausgemacht: „Der Mazda MX5 genießt jetzt schon Kult-Status.“

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