Welt : Wenn der Oscar kommt

Die beiden deutschen Filmemacher Katja Esson und Florian Baxmeyer haben Chancen – am 29. Februar werden die Preise in Los Angeles vergeben

Rüdiger Suchsland

„And the Oscar goes to …" – bestimmt mehr als nur einmal haben sie sich diesen Moment schon ausgemalt, sich vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn dann tatsächlich ihr Name genannt würde: Seit am 27. Januar die diesjährigen Oscar-Nominierungen bekannt gegeben wurden, ist für Katja Esson und Florian Baxmeyer eine ganze Menge anders geworden. Die beiden Deutschen sind in den Kategorien „Bester Kurzdokumentarfilm" beziehungsweise „Bester Kurzspielfilm" nominiert, und können sich damit Hoffnungen machen, am nächsten Sonntag in die Fußstapfen von Caroline Links Triumph von vor einem Jahr zu treten.

In Deutschland abgelehnt

„Eine späte Genugtuung" sei die Nominierung gewesen, kommentiert Katja Esson die freudige Überraschung. Mit 38 ist sie kein Jungtalent mehr. Seit zehn Jahren lebt die Hamburgerin schon in New York, hat dort eine gescheiterte Ehe hinter sich. Sie dreht Industrie- und Werbefilme, TV-Dokumentationen, ab und zu mal etwas, das auch auf die Leinwand passt. In Deutschland war nur weniges davon zu sehen – zu eng sind die Grenzen dessen, was im deutschen Fernsehen, einst dem besten der Welt, noch möglich ist.

Auch „Ferry Tales" waren in Deutschland nicht möglich. Den 40-minütigen Spielfilm, für den sie jetzt für den Oscar nominiert wurde, hatte man auf der Berlinale und auf allen möglichen anderen Festivals schnell abgelehnt. Wenn deutsche Regisseure Filme machen, die in den USA spielen, gilt das gern als „schwieriger Stoff".

Der Film ist ein Frauenfilm. Total. Für Kamera, Schnitt, Ton zeichnen Frauen verantwortlich, die beiden Produzentinnen sind Frauen wie die Popsängerin Cassis, von der die eingängige Musik stammt und die eigentlich Birgit Staudt heißt. Alle sechs stammen aus Deutschland, sie alle leben in New York, auch deshalb, weil man es dort als Frau etwas leichter hat. Offenbar steckt im Schicksal Katja Essons doch etwas Prinzipielles.

Auch vor der Kamera geht es um Frauen. „Ferry Tales" erzählt von Pendlerinnen, die täglich mit der Staten-Island-Fähre nach Manhattan zur Arbeit fahren. Fast alle sind Schwarze. Die Damentoilette der Fähre ist der Ort, an dem sie sich für die Metropole schminken, schmücken, und zurechtmachen, sich treffen, darüber reden, wie der Tag sein soll oder wie er war. Über Ängste und Hoffnungen, die Kollegen und die Kinder – und über Männer. Katja Esson hat diese Frauen mit der Kamera beobachtet, und als sie sich einmal an sie gewöhnt hatten, nahmen sie kein Blatt mehr vor den Mund, sprachen offen auch über Rassismus und Missbrauch. Ein ernster Film mit Humor: Das Damenklo als kleiner anarchischer Raum für Offenheit zwischen den engen Welten Arbeit und Familie.

Seit sie nominiert ist, melden sich bei Esson nun viele Journalisten und wollen plötzlich alles wissen. Auch Festivals haben schon angefragt. „Schon die Nominierung ist ein Sieg für uns", sagt die Regisseurin, „aber jetzt möchte ich die Verleihung abwarten."

Florian Baxmeyer kennt das Gefühl, nominiert zu sein. Mit „Die Rote Jacke", seinem Diplomfilm als Filmstudent an der Uni Hamburg, gewann er im letzten Juni schon den Studenten-Oscar und stand bei der Verleihung bereits einmal auf der Bühne der Academy of Motion Picture Arts and Sciences mit der begehrten Trophäe in der Hand. Sein 20-minütiger Kurzfilm erzählt von Grenzen und ihrer Überwindung, vom Bürgerkrieg in Jugoslawien und davon, wie ein bosnischer Waisenjunge durch die rote Jacke aus der deutschen Altkleidersammlung unverhofft eine neue Chance erhält.

Schneller Erfolg

In gewissem Sinn ist der 29-Jährige geborene Essener schon ein erfahrener Filmemacher. Nach dem Studium in Köln und Hamburg gewann er bereits mit seinem ersten Kurzfilm „Pas de deux" mehrere Preise, der Film wurde dann auch bei Arte und 3Sat gesendet. Ein Musikvideo und ein weiterer Kurzfilm entstanden, bevor er seinen Diplomfilm entwickelte. Auch „Die rote Jacke" hatte schnell Erfolg. Jetzt hofft Baxmeyer auf einen zusätzlichen Karriereschub: „Mein großes Ziel ist es, gute Kinofilme zu machen, Filme, die viele Menschen sehen."

Ab 1. März beginnt beide die Wirklichkeit wieder einzuholen: Dann ist Esson zurück in New York, wo sie längst an neuen Projekten arbeitet. Und Baxmeyer hat statt großem Kino erst einmal eine Folge der NDR-Serie „Großstadtrevier" gedreht.

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