Welt : Wenn die Gondeln trocken liegen

Dem winterlichen Rekordhochwasser folgte Ebbe – Venedig hat jetzt so wenig Wasser wie noch nie

Paul Kreiner[Venedig]

Venedig erlebt einen abwechslungsreichen Winter. Es wirkt wie ein Hohn; die Natur macht sich lustig über diese Stadt. Da bauen die Venezianer mit Volldampf bewegliche Hightech-Hochwasser-Sperren in die Lagune. Da weiht die Stadt eine voll computerisierte Verkehrsüberwachung mit 53 Kameras für den Canal Grande ein, um endlich das beständig zunehmende, für Mensch und Material gefährliche Durcheinander von Linien- und Lastschiffen, Wassertaxis, Einsatzfahrzeugen und Gondeln in den Griff zu bekommen – und gerade jetzt läuft Venedig auf Grund.

Neumond, Hochdruckwetterlage und eine sanfte, aber andauernde Brise aus Nordwest haben das Wasser in der flachen Adria nach Süden gedrückt, hinaus aus der Lagune, weg von Venedig. Das passiert in leichter Form fast jeden Winter, aber diesmal – niemand weiß, warum – ist das Wasser so tief und für so viele Tage gesunken wie kaum einmal zuvor.

115 Zentimeter Hochwasser registrierte Venedig noch im Dezember; Schiffe und Gondeln kamen unter etlichen Brücken gar nicht mehr durch. Jetzt ist der Pegel auf bis zu 80 Zentimeter unter Normalnull gesunken – und die Boote liegen im Schlamm. Als schiffbar gilt, besonders zur Ebbe-Zeit am späten Nachmittag, praktisch nur noch der Canal Grande. Linienschiffe fallen aus oder werden zum Ärger der Anwohner weiträumig umgeleitet. Rettungssanitäter steigen im Notfall um: „Das Beste ist praktisch immer, man ankert irgendwo und geht zu Fuß weiter“, sagt Lodovico Pietrosanti von der Ambulanz. Die Männer, die am Campo San Polo Bierfässer ausladen , fluchen zum Steinerweichen. Normalerweise rollen sie die schweren Dinger auf einem Brett vom Kahn zum Kai, jetzt müssen sie sie stemmen – Schuld ist der Bürgermeister. Weil er – die alte, nicht ganz unzutreffende venezianische Klage – die Kanäle nicht richtig ausbaggern ließ.

Was bei Ebbe alles zutage kommt: schwarzer Schlamm, übel duftend; langschwänzige, quiekende Vierbeiner; Müll in jeder Größe, Form und in allen Stadien der Verrottung. Schmutzbächlein aus den Häusern winden sich durch den Matsch und zeigen, dass Venedig kein Abwassersystem hat. An den Anlegestellen von Booten und Gondeln sind die unteren, sonst überfluteten Stufen verfault oder verrostet; Steine sind von rutschigen Algen überzogen – Hindernisse über Hindernisse. Die Venezianer indes, so schreibt „La Repubblica“, genießen die vom Wasser erzwungene Stille. Bald ist’s damit vorbei: Schon für das Wochenende haben Venedigs Gezeiten-Mathematiker eine ausgewogene Bilanz zwischen Ebbe und Flut errechnet. Und in wenigen Wochen, zum Karneval, fluten Touristen die Stadt.

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