Welt : Wenn die Musik der Krankheit Nahrung wird

Erste Hilfe für Künstler: In Freiburg will ein neues Institut für Musikermedizin ihre Leiden lindern

Volker ter Haseborg

Musiker leben gefährlich. Fast die Hälfte von ihnen hat vor der Aufführung Lampenfieber. Viele von ihnen greifen deshalb zu Medikamenten, um ruhiger zu werden. Die Folge: Tablettensucht. Andere klagen über Ohrenschmerzen, Augenleiden, Verlust der Stimme. Manche Musiker haben Rückenbeschwerden, können ihre Hände kaum noch bewegen. Jährlich geben nach Angaben der Universität Freiburg etwa 13 Prozent der aktiven Orchestermusiker ihren Job aus gesundheitlichen Gründen auf. Schon 60 Prozent der Musikstudenten haben gesundheitliche Beschwerden.

Zusammen mit der Freiburger Musikhochschule hat die Universitätsklinik Freiburg jetzt ein Institut für Musikermedizin geschaffen – das erste in Deutschland. In den USA ist dieses Gebiet als „Performing Arts Medicine“ schon seit 20 Jahren ein Begriff: Musiker, Schauspieler und Tänzer mit berufsspezifischen Problemen bekommen in den Einrichtungen eine spezielle Diagnostik und Therapie.

„Die Probleme lassen sich oft mit simplen Mitteln lösen“, meint Roland Laszig von der Uniklinik. Jetzt können 40000 deutsche Profi-Musiker aus dem Bereich der klassischen Musik und viele Hobbymusiker auf Hilfe hoffen: Im Oktober soll die Arbeit losgehen, zwei Professorenstellen sind ausgeschrieben. Die Hochschullehrer sollen nicht nur Mediziner, sondern auch ausgebildete Musiker sein. Gesucht wird ein Experte für psychosomatische Symptombildungen, der zweite Professor soll einen Schwerpunkt im Bereich der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde haben. Gehör und Stimme von Musikern sind Bereiche, in denen sehr oft Beschwerden auftreten. Das Institut will nach den Ursachen der Musikerleiden forschen, gesundheitsbewusstes Musizieren lehren und kranke Musiker heilen.

Vielen Künstlern werde körperlich und seelisch einfach zu viel abverlangt: „Sie sollen auf dem Kopf stehen und am besten noch eine Arie singen“, meint Laszig. Und wenn die Stimme versagt, ist das Engagement beendet. Mit dem Druck werden viele Künstler nicht fertig: Viele greifen vor Auftritten zu Beta-Blockern, die die Herzfrequenz senken. Wenn sie unkontrolliert eingenommen werden, kommt es zu einer körperlichen Depression. Andere verkrampfen , haben Rückenprobleme oder Sehnenscheidenentzündungen. „Wenn ein Musiker 30 Jahre neben den Pauken sitzt, bekommt er Ohrenprobleme. Andere klagen über Augenprobleme, weil sie so viele Noten lesen müssen“, ergänzt Mirjam Nastasi, Rektorin der Freiburger Musikhochschule.

In die Arbeit werden Fachleute aus allen Bereichen der Uniklinik und der Musikhochschule einbezogen. Für Sänger soll es Seminare geben, die den vorsichtigen Umgang mit der Stimme lehren: „Gesangshygiene“ nennt Nastasi das. Auch Praxisseminare zum „Umgang mit Lampenfieber“ werden angeboten. Gegen die Angst sei „eine positive Selbstprogrammierung“ wichtig, meint die Rektorin. In Vorlesungen über Hörschäden, die Verwendung von Medikamenten und besondere Arbeitsbedingungen von Orchestermusikern werden Gefahren des Berufs behandelt. Um sie zu bannen, sind regelmäßige Pausen, die richtige Haltung und Entspannungsübungen wichtig. Psychologen helfen bei der Stressbewältigung.

Auch Blaskapellen, Rockbands oder Hobbychöre finden bald Rat: „Die Sportmedizin hat es früher auch nur für Hochleistungssportler gegeben. Jetzt ist sie für alle da“, meint Roland Laszig. Mit Nastasi plant er einen Gesundheits-Check für Musiker. So wird auch analysiert, wer die Finger von einem Instrument lassen sollte – aus gesundheitlichen Gründen …

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