Welt : Wenn die Prophetin gerade nicht zu sprechen ist

CHRISTOPH RENZIKOWSKI (KNA)

Menschen in spirituellen Krisen erfahren selten richtige Hilfe / Parapsychologische BeratungsstelleVON CHRISTOPH RENZIKOWSKI (KNA) FREIBURG."Jesus würde heute sofort in der Psychiatrie verschwinden - und Paulus gälte als schizophren." Geht es um spirituelle Krisen, wählt Walter von Lucadou drastische Worte.Der Leiter der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg hat nach eigenen Worten "laufend" mit abgestürzten Gottsuchern zu tun.Sei es durch enge religiöse Erziehung, Mitgliedschaft in Sekten oder außergewöhnliche Erlebnisse beim Yoga - Menschen bekommen es mit der Angst zu tun und finden bei ihren Ärzten oft kein Gehör. Spirituelle Krisen müssen nicht, aber sie können krank machen: Diese Erkenntnis setzt sich nur langsam durch.Das international gültige "Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen" enthielt im Jahr 1996 zum ersten Mal die Kategorie "Religiöses oder Spirituelles Problem".Darunter fallen zum Beispiel Schwierigkeiten, die Leute auf dem boomenden Esoterik-Markt erleben: Entspannungs- und Meditationsübungen, die an sich harmlos sind, können Zuckungen, Vibrationen, Hitze- und Kälteschauer auslösen, die für den Übenden nicht mehr einzuordnen sind.Labile Personen geraten da schnell aus dem Gleichgewicht. Nicht ohne Grund verlangen westliche und östliche Schulen spiritueller Praxis von Neulingen strenge Disziplin und sorgen dafür, daß die oft tiefgreifenden Bewußtseinsveränderungen durch erfahrene Lehrer begleitet werden.Dies ist bei vielen selbsternannten Gurus und Trainern nicht der Fall - mit verheerenden Folgen für arglose Konsumenten, warnt die Weinheimer Zeitschrift "Psychologie heute" in ihrer neuen Ausgabe.Lucadou pflichtet bei: "Gerade wenn es darauf ankommt, ist die Prophetin nicht zu sprechen." Der Berater berichtet von einem alltäglichen Fall: Eine Mutter war "in die Abhängigkeit einer Esoterik-Tante" geraten, wie Lucadou es ausdrückt.Zusammen beschworen sie auf dem Friedhof Verstorbene.Nach einer Zeit kam die Frau nicht mehr damit klar, hörte Stimmen, wurde von Angstzuständen geplagt und vernachlässigte ihre sechs Kinder."Als die Esoterikerin das merkte, hat sie sich abgeseilt." Einem Psychiater reichte anschließend ein fünfminutiges Gespräch, um die Mutter in eine geschlossene Abteilung zu überweisen."Keiner hat sich darum gekümmert, was sie erlebt hat", bedauert Lucadou.

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