Welt : Wenn Kaufen zum Zwang wird

Forscher: Sucht führt zu Kontrollverlust

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Verkaufsoffene Sonntage und durchgängig die ganze Nacht über geöffnete Großbuchhandlungen lassen Berufstätigen jetzt mehr Muße für den Einkauf. Für Menschen, die unter unwiderstehlichem Kaufdrang leiden, ist das aber möglicherweise eine zusätzliche Gefahr.

Psychologen ordnen das pathologische Kaufverhalten unter die Verhaltensexzesse ein. „Was bei den Betroffenen auffällt, ist ihr starker Drang, auch ganz unnötige Dinge einzukaufen, sie stürzen sich dabei oft auf Sonderangebote. Einer anfänglichen Euphorie folgt dann typischerweise ein Gefühl des Kontrollverlusts“, berichtete die Psychologin Martina de Zwaan von der Uni Erlangen kürzlich beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin.

Über 70 Prozent der Einkäufe bestehen aus Kleidung – weshalb es nicht ganz verwundert, dass überwiegend jüngere Frauen wegen ihres Hangs zum impulsiven Kaufen psychologischen Rat suchen. Auslöser dafür ist meist, dass das Geld nicht reicht, die Betroffenen haben längst ihren Dispokredit überzogen und werden ihrer Schulden nicht Herr. Es liegt also durchaus nahe, sich zu fragen, ob „Kaufsucht“ nicht eine sozial ungleich verteilte Diagnose ist, die nur Menschen mit bescheidenen finanziellen Mitteln gestellt wird – während Wohlhabende der Kaufsucht ungestraft oder imageförderlich frönen können.

Handelt es sich überhaupt um eine Sucht? Diese Frage wird durchaus kontrovers diskutiert. Während die Erlanger Forschungsgruppe, die sich seit einigen Jahren des Themas annimmt, diesen Begriff nicht anwenden will, ist für S.M. Grüsser-Sinopoli, Leiterin der Interdisziplinären Suchtforschungsgruppe am Institut für Medizinische Psychologie der Charité, klar: „Wir sehen hier exzessiv belohnende Verhaltensweisen, die die Kriterien der Abhängigkeit erfüllen.“ So erstrecke sich das Verhalten über einen längeren Zeitraum, sei mit Kontrollverlust verbunden, der Kaufwunsch stehe in der Triebhierarchie ganz oben, Einschränkungsversuche scheiterten regelmäßig, und schließlich sei auch eine Art „Dosissteigerung“ zu verzeichnen, wie sie für Süchte typisch ist: Nur wenn man immer mehr kaufe, komme man schließlich noch aus einem Stimmungstief heraus. Zu diesem Zeitpunkt hätten längst neurobiologische Veränderungen eingesetzt. Die Sucht fungiere als „inadäquate und einzige Strategie zur Reduzierung von Stress, die schließlich breiten Raum im Leben einnimmt“. Das führe dazu, dass viele Betroffene ihre beruflichen und privaten Verpflichtungen zugunsten ihres unwiderstehlichen Einkaufsdrangs vernachlässigten. Grüsser-Sinopoli möchte die Kaufsucht deshalb ähnlich wie die Spielsucht als „stoffungebundene Sucht“ verstanden wissen.

Die Erlanger Arbeitsgruppe konnte inzwischen nachweisen, dass eine kognitive Verhaltenstherapie gegen das impulsive Kaufverhalten hilft. Die Psychologin Astrid Müller berichtete, dass Teilnehmer ihr Kaufverhalten deutlich besser kontrollieren könnten.

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