Welt : „Wenn Leo Kirch untergeht, geht Georg Gafron nicht unter“

Der Tagesspiegel

Zeitungen melden heute, TV.Berlin solle eingestellt werden. Stimmt das?

Es ist bislang kein diesbezüglicher Beschluss gefallen. Selbstverständlich werden in der derzeitigen Situation alle Modelle durchgespielt und Konzeptionen entwickelt, aber ein Beschluss zur Einstellung der Ballungsraumsender ist in der Kirch-Gruppe noch nicht gefasst worden.

Sie sollen in der Redaktionskonferenz der „B.Z.“ gesagt haben, dass es mit TV.Berlin nicht mehr weitergeht.

Das ist eine Erfindung, die gezielt gestreut wurde, um die Mitarbeiter zu verunsichern. Anonym aus Redaktionskonferenzen zu zitieren, ist immer der falsche Weg. Man hätte mich ja auch anrufen und fragen können. Das hat man nicht für notwendig erachtet, also war man sich an der Quelle wohl so sicher, dass man diese Tugend außer Acht ließ.

Unbestritten ist: TV.Berlin geht es nicht gut.

Ballungsraum-Fernsehen, das hat Leo Kirch ja immer wieder gesagt, ist ein Projekt mit Zukunft, aber es braucht einen langen Atem. Und gerade hier in Berlin mit einem wirklich etablierten Programm wie der „Abendschau“ des SFB ist es außerordentlich schwer.

Wieviel Atem hat TV.Berlin noch?

Viel, sehr viel. Man muss Verschiedenes ausprobieren. Es sind sicher auch Fehler gemacht worden. Das Image des Senders war schon ramponiert, als wir gekommen sind. Dann haben wir sicher auch Fehler gemacht. Aber es geht ums Grundsätzliche. In einer Zeit, wo Menschen wieder sehr viel mehr an Heimat und unmittelbarer Umgebung partizipieren wollen, erleben wir eine Renaissance der Nähe, der Familie, des unmittelbaren sozialen Umfeldes. Wir bekommen eine neue Wertediskussion. Der Hedonismus verliert sich. Die Spaßgesellschaft geht unter dem Eindruck der Ereignisse vom 11. September und der wirtschaftlichen Krisenerscheinungen zurück. Und da spielt Ballungsraumfernsehen eine zentrale Rolle.

Trotzdem, das Ende droht.

Wir führen Gespräche auch mit den Investoren. Es ist das erklärte Ziel verschiedener Kreise, Kirch zu vernichten. Wir befinden uns in der heißen Phase der Schlacht. Und ich sage Ihnen noch einen alten Spruch: Manchmal ist man Löwe im Leben, manchmal ist man Puma, manchmal Katze, aber verglichen mit dem Wurm ist die Maus immer noch ein Riesentier, und verglichen mit Leo Kirch sind die meisten, die ihn heute ankläffen und alles besser wissen, nichts als kleine Würmchen.

Sie sind auch Programmchef und Geschäftsführer des Radios Hundert,6. Nach den Zahlen der Media-Analyse hat der Sender Hörer verloren. Da scheint noch eine Baustelle zu sein.

Nein, wir sind mit Hundert,6 überaus zufrieden. Das sind ja Betrachtungsweisen, die von vornherein bösartig sind – und die wir vom Tagesspiegel gewohnt sind. Ein Sender wie Hundert,6 mit 70 Prozent Wort misst sich an seinen Hörerkontakten und nicht an Marktanteilen. Und da haben wir im weitesten Hörerkreis um 40 000 Hörer zugelegt. Das ist für einen privaten Sender, der ja praktisch vom Wort lebt, sensationell. Wir wussten vom ersten Moment an, dass wir Marktanteile verlieren werden. Und mit diesem Programm unter den Nachrichtensendern immer noch an erster Stelle zu stehen, halte ich für eine Sensation. Das heißt, die Kollegen der „Berliner Seiten“ der „FAZ“ sollten mal ihr jämmerliches Dasein im Radiobereich etwas näher betrachten. Wenn man im Glashaus sitzt, sollte man nicht mit Steinen schmeißen.

Eine konkrete Frage: Arbeitet Hundert,6 defizitär?

Über Zahlen geben wir keine Auskunft. Hundert,6, das kann ich Ihnen sagen, steht nicht zur Debatte, um auch das ganz deutlich zu sagen. Und die Existenz von Hundert,6 ist nicht gefährdet.

Das Boulevardblatt „B.Z.“, Chefredakteur Georg Gafron, verliert an Auflage.

Ja, gut. Dann müssten Sie schon die Güte besitzen, den Berliner Zeitungsmarkt in Gänze zu würdigen. Da haben Sie nämlich die Erscheinung, dass der „Berliner Kurier“ erheblich mehr an Auflage einbüßt, ebenso die „Berliner Zeitung“ große Probleme hat. Über Produkte des Hauses Springer möchte ich mich nicht äußern. Die „B.Z“ aber verliert unterdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Blättern. Klar ist: In Zeiten der Krise wächst die Zahl der Mehrfachnutzer einer Zeitung. Das gilt für den Boulevard ganz besonders. Montags kauft der eine Kollege die Zeitung, am Dienstag der andere. Auf den Monat gerechnet sind das zwei Sixpacks Bier für den „B.Z.“-Leser.

Sie haben ihre Positionen und Aufgaben immer sehr politisch verstanden. Sie sind ein politischer Kopf . . .

. . . wir Journalisten sollten politisch sein . . .

. . . Sie haben auch Kampagnen gemacht, zum Beispiel gegen die PDS. Ist das, was Sie in Ihren Medien an politischer Haltung zeigen, etwa nicht mehr zeitgemäß in Berlin?

Das kann sein. Das ist aber nicht für mich der Maßstab. Wenn das Wählen einer Partei, deren Mitglieder und führende Köpfe die Verantwortung in einer Diktatur getragen haben und sich bis heute nicht eindeutig distanziert haben, wenn das zeitgemäß ist, dann kann ich nur sagen: Gute Nacht, Deutschland.

Die „B.Z.“ kümmert sich um Reiterstaffeln und Schlaglöcher. Sind die Berliner so provinziell?

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie Auto fahren. Wahrscheinlich sind Sie Radfahrer. Die Schlaglöcher in der Stadt haben mit Provinz überhaupt nichts zu tun. Und dass Herr Schily die Reiterstaffel retten musste mit Verlaub, das würde doch heißen, dass er aus Ihrer Sicht auch einen provinziellen Touch hat. Wenn Sie mich als provinziell bezeichnen, wenn aus ideologischen Gründen in der Stadt wichtige Symbole abgeschafft werden, dann sollten Sie sich mal über Wertbegriffe Gedanken machen. Ich empfinde das nicht als provinziell.

Wie sicher fühlen Sie sich als Chef der „B.Z.“?

Ich fühle mich ausgesprochen glücklich bei der „B.Z.“. Ich habe keinerlei Probleme mit meinem unmittelbaren Vorgesetzten, mit dem Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Mir macht die Arbeit sehr viel Spaß. Und ich werde sie, wenn der Herrgott mir Gesundheit gibt und Kraft, noch lange fortsetzen.

Hundert,6 und TV.Berlin gehören der Kirch-Gruppe, die „B.Z.“ dem Axel-Springer-Verlag. Beide Unternehmen sind sich mittlerweile spinnefeind. Da stecken Sie doch in einer ungemütlichen Situation.

Ich möchte erst einmal das Wort „spinnefeind“ zurückweisen. Wir leben in einer freien Wirtschaftsordnung, und da gibt es auch mal zwischen Partnern Interessengegensätze. Und die werden mit rechtlichen Mitteln ausgetragen. An sich ist das nichts Besonderes, möglicherweise in dieser harmoniesüchtigen deutschen Kultur schon, in den angelsächsischen Ländern ist das etwas völlig Normales. Das Zweite ist, dass ich bei Springer mit der Geschäftspolitik des Hauses nichts zu tun habe, sondern Chefredakteur einer Springer-Zeitung bin. Und in diesem Sinne bin ich weder am Konflikt zwischen Springer und Kirch beteiligt, noch davon tangiert. Meine Loyalität zum Haus Springer ist eine Loyalität des Kopfes. Denn ich habe eine arbeitsvertraglich klare Bindung, und als Unternehmer weiß ich, was Loyalität bedeutet. Ich strafe jeden gnadenlos ab, der illoyal ist. Zu meinem Freund Leo Kirch habe ich eine Loyalität des Herzens. Übrigens: Wenn für Leo Kirch der Glaube die Kraft zum Durchhalten ist, ist das für mich mein hohes Maß an innerer Fröhlichkeit.

Wenn Leo Kirch untergeht, dann geht Georg Gafron mit ihm unter.

Ich bin äußerst dankbar und glücklich für die Fürsorge. Erstens: Leo Kirch geht nicht unter. Zweitens: Wenn Leo Kirch untergeht, geht Georg Gafron nicht unter. Drittens: Georg Gafron ist eine erwiesenermaßen selbständige und starke Persönlichkeit.

Sie nehmen die Kirch-Krise gelassen.

Sehr. Ich fahre am Wochenende für drei Wochen in Urlaub – nach Südamerika. Dort durchfahre ich mit einem Kanu Seitenarme des Amazonas, um Piranhas zu beobachten.

Sie fühlen doch nicht etwa eine Seelenverwandtschaft?

Ja. Denn Streit und Kampf gehören genauso zum Leben wie Harmonie und Liebe. Deshalb mag ich privat auch schnurrende Kätzchen.

Das Gespräch führte Joachim Huber.

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