Welt : Wer hat Angst vor einem neuen Ort?

In München zieht das Schumann’s um – Stammgäste befürchten, dass ihrer Lieblingskneipe die Identität flöten geht

Harald Pauli[München]

In München steht bekanntlich ein Hofbräuhaus, dann gibt es noch das „P1“ als Vorbild aller deutschen Nobel-Discos, und dazwischen liegt das „Schumann’s“, die bekannteste Bar der Republik. Eine Achse der Gastlichkeit mit Weltgeltung, die nun im Koordinatensystem verschoben wird. Denn das „Schumann’s“ zieht um.

Nach langwierigen Mietvertrags-Verhandlungen warf Bar-Chef und Hobby-Boxer Charles (bürgerlich Karl Georg) Schumann Anfang des Jahres entnervt das Handtuch und fand ein neues Domizil am Hofgarten. Ende September sollen die Räumlichkeiten am ähnlich zentral gelegenen Odeonsplatz bezugsfertig sein, denn im Oktober gehen die schummrigen Lichter in der „American Bar“ an der Maximilianstraße nach 21 Jahren endgültig aus.

Zwischen Euphorie und Panik

Auf dem zukünftigen Boden liegen dunkelgraue und schwarze Stein- und Marmorplatten, Muster für den künftigen Boden, die rustikal-folkloristische Wandverkleidung der vormaligen „Käfer“-Gastronomie ist heruntergerissen, das alte Mobiliar längst versteigert. „Manchmal frage ich mich, warum ich mir das noch antue“, sagt Charles Schumann, 61. Gut vier Monate bleiben ihm noch, die Baustelle in ein Lokal zu verwandeln, das erneut ein Zeichen in Sachen internationaler Barkultur setzt. Und so schwankt er denn auch zwischen leiser Euphorie und stiller Panik, wenn er durch die weit verzweigten Räume läuft und erklärt, was man da eigentlich alles machen könne. Doch die Herausforderung müsse er bescheiden angehen. Das Geld ist knapp, und die Banken rücken heutzutage kaum mehr was raus. Seine Mitstreiter – Finanziers, Architekten und Planer – verdrehen dann allerdings etwas die Augen, wenn sie an die Kosten der „bescheidenen“ Phantasien des Meisters denken. Es ist noch vieles offen und umso mehr möglich – Holz oder Putz an der Wand, hier noch ein neuer Boden oder dort die grünen Toilettenkacheln raus. Eher dunkel als hell soll es werden, von der Anmutung her, „modern, aber nicht stylisch“, meint Charles. „Von mir aus könnte es ein bisschen wie ein Schiffssalon aussehen“. Das klingt vielleicht etwas vage und bizarr, aber wer, wenn nicht er, der in den letzten Jahren ja auch als „Boss“-Model eine berühmt-gute Figur gemacht hat, sollte etwas von Stil verstehen. Schließlich ist die alte Bar inzwischen längst Legende in Sachen Atmosphäre und Design. Der Schriftzug über der Tür und einer der 16 Tische wandern sogar ins Münchner Stadtmuseum.

Eigentlich nur eine zweizimmrige, düstere Trinkhalle, wurde das „Schumann’s“ bald einem Stammpublikum aus Künstlern, Galeristen, Schauspielern, Dichtern, Werbe- und Medienleuten zum zweiten Wohnzimmer. Ein öffentliches Zuhause mit dunkelbrauner Wandtäfelung, beigebezogenen Lederbänken, schwarzen Holztischen und -stühlen und ehedem ockergelb gespachtelten Decken, überzogen von einer rauchgebeizten Patina. Und inmitten des lauten, engen Treibens ein paar weiße Gestalten – Charles und seine Mannschaft. Schumann, nebenbei noch ein wunderbarer Koch einfacher, bürgerlicher Gerichte, die Ober und Mixer waren das Herzstück einer bis dahin in Deutschland kaum verbreiteten Trinkkultur. Und daran hat sich bis heute nur wenig geändert. Wer zudem mal versucht hat, in Weltstädten wie Paris oder Los Angeles nach Mitternacht noch ein vernünftiges Getränk zu kriegen, und dann als Daiquiri eine Zitronenlimo mit ein bisschen Schnaps für gute 20 Euro/Dollar vorgesetzt bekam, der weiß, was man am „Schumann’s“ hat. Ganz zu schweigen vom Heimweh, das dem Münchner in einer frankophilen Hauptstadt-Bar überkommen kann, wenn die Ober dort weder die Malt-Whisky-Marken kennen noch auszusprechen wissen.

Einmalig – zum Zweiten

Nein, das „Schumann’s“ gibts nur einmal - nur jetzt eben zum Zweiten. Die Bewährungsprobe, die Herausforderung liegt in der Größe der neuen Räumlichkeiten. Die hohe Haupthalle, so viel ist klar, wird wie das Mittelschiff einer Kirche zum Zeremonienraum des Barbetriebs – mit einem zentralen Tresen als Altar. Links und rechts in den niedrigeren Seitenschiffen finden die Tische Platz, zu denen das gläubige Stammpublikum wallfahren darf. Darüber, in der umlaufenden Galerie, soll Raum für Ruhe und Besinnlichkeit bleiben. Wo sich gute Gäste und Freunde in kleiner Runde treffen, Zeitungen lesen oder mal eine Partie Schach spielen können.

Im Parterre existiert noch neben dem rechten Nebenschiff ein Extraraum, der als Tagescafé genutzt werden wird. Und dann gibt es noch zwei Lokalitäten für die Bewirtung im Freien. Hinten hinaus, im Hofgarten, entsteht ein Biergarten, vorne, auf dem breiten Bürgersteig der boulevardartigen Ludwigsstraße, geht der Betrieb auch weiter, wenn für den Biergarten gegen zehn die Lärmschutz- Stunde schlägt. Kann sich der Geist der eingeschworenen „Schumann’s“-Gemeinde auch in dieser Kathedrale der liquiden Spirits entfalten, fehlt den Stammgästen womöglich die intime Atmosphäre ihrer „kleinen Kneipe“? Finden Charles & Co noch die Zeit zur familiären Betreuung ihrer trinkseligen JüngerInnen? Das sind Fragen, die auch Schumann schlaflose Nacht bereiten.

Fakt ist in jedem Fall, die Grundfläche des eigentlichen Bar-Raums wird um die Hälfte größer, 150 Quadratmeter statt 100 wie in der Maximilianstraße. Eine Chance auch für neue Gäste und all jene, die sich in der Vergangenheit schlecht oder arrogant behandelt fühlten. Denn das „Schumann’s“ lag nicht nur topografisch zwischen Hofbräuhaus und „P 1“, sondern auch bewirtungspolitisch. Einerseits fungiert es als Must-Stopover eines gewissen feuchtfröhlichen Bayern-Tourismus, andererseits verkörpert es die „Nur für Stammgäste“-Formel exklusiver Clubs geradezu in Reinkultur.

Hier herrschte zwar nie das in München besonders berüchtigte Regiment der Türsteher, aber sich ungenehmigt an einen der – immer – reservierten Tische zu setzen, kommt einem Sakrileg gleich, das mit Entzug von Service und Suchtmitteln bestraft wird. Eine Behandlung, die manche verschreckt (teilweise nicht ungewollt) und der American Bar bisweilen den Nimbus eines provinziellen bzw. mondänen Schicki-Micki-Schuppens eingebracht hat – je nach Sichtweise. Derweil ist das „Schumann’s“ viel eher ein Clubheim für Freunde von Geselligkeit und guten Drinks. Prominenz schadet nicht unbedingt, hebt einen aber noch lange nicht in den Stand der Stammgäste – und somit bevorzugt Sitzberechtigten. Den kann sich jeder durch Benehmen und Beharrlichkeit erarbeiten – sprich erstehen, ersitzen, ertrinken. Demnächst im gleichen Theater, nur an einem anderen Ort.

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