Wer heute noch zur Kur geht : Das Versprechen der Frische

Morgens Fango, abends Tango – der Grundsatz des deutschen Kurwesens galt in Ost und West gleichermaßen. Heute ist Gesundheit harte Arbeit. Und je weniger man isst, desto teurer wird es.

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Wer heute in ein Kurbad fährt, ist eher Patient als Gast.
Wer heute in ein Kurbad fährt, ist eher Patient als Gast.Foto: Uwe Meinhold/ddp

Früher war das so: Der Berliner verließ den Zug an einem der schönsten kaiserlichen Bahnhöfe weit und breit, die Kurkapelle erwartete ihn bereits. Die Takte seines feierlichen Willkommens im Ohr sah der Genesungsbeflissene durch das Grün des Kurparks die schneeweißen klassizistischen Fassaden der Kurhäuser schimmern, in aller Bescheidenheit denen von Baden-Baden nachempfunden.

Und ein paar Schritte weiter hörte er: die Brandung des Meeres. Der Kurgast vernahm das Versprechen einer rundum erneuernden Frische, ja, einer Wiedergeburt zu Lebzeiten. Zwar war das gar nicht die See, sondern nur die Saale, die hier über ein Wehr musste. Aber der akustische Effekt war der gleiche. Und die Wellen, bis zu einmeterfünfzig hoch! Der Unterschied zur Nordsee war: Wenn der Badende aufsah, fand er sich von Weinbergen umzingelt.

Weinberge und Meer!

Manchmal errät die Natur unsere tiefsten Wünsche.

Heute ist das alles ein wenig anders. Zwar stürzt sich die Saale in Bad Kösen noch immer mit Nordseelaut vom Wehr, und stumm grüßen die Weinberge. Aber von dem schönstmöglichen Kurbahnhof steht nur noch eine Rest-Ruine. Niemand holt den Eintreffenden ab, die Kurkapelle wurde abgewickelt, und die schönen weißen Häuser sind geschlossen. Aber nicht nur das. Auch der Kurgast scheint fast ausgestorben, dieser Mensch leicht fortgeschrittenen Alters, der den Typus leidender und dabei dezent luxusbeflissener Passivität beherrscht wie kein anderer. Was wäre die Literatur des letzten Jahrhunderts ohne ihn, von Thomas Manns „Zauberberg“ über Hesses „Kurgast“ bis zu Strittmatters „Mai in Pistany“? Alles Badebücher. Alles vorbei. Wieder eine Spezies weniger auf Erden?

Klaus Dieter Fichtner glaubt das nicht. Schließlich soll schon im April das Thermalbad wieder öffnen, rundum saniert, dann folgen die beiden klassizistischen Badehäuser, und wenn das alles zurückkehrt, sollte nicht irgendwann auch der Kurgast selbst nachfolgen?

Wem die Kasse den Aufenthalt bezahlt, der ist Reha-Patient

Fichtner ist vielleicht der einzige Bad Kösener, dessen eigene Ursprünge direkt mit denen des Badewesens zusammenfallen. „Meine Großeltern waren Eisengroßhändler in Westfalen, sie kamen, wie so viele andere, um in der vielgelobten Kösener Sole zu baden.“ Und dann wurde das Eisenhändlerehepaar sehr nachdenklich. Sollte es nicht, statt seine Existenz auf rostige Metallgussteile zu gründen, vielmehr Bademeister zwischen Weinbergen werden? Klaus Dieter Fichtners Großeltern übernahmen das Ritterbad, das älteste Privatbad der Stadt. 23 versenkbare Badewannen!

Andere besaßen höchstens drei oder vier. Das Kurproletariat trug die Sole von den Thermalquellen in die Bäder, und in den Wannen flegelten Rheumatiker, Ischiatiker und Lungenleidende wie Franz Liszt, Adolf von Menzel, Fontane oder dieser reiche St. Petersburger Pelzhändler, der beschloss, diesem Ort nie mehr den Rücken zu kehren, weshalb er sich nicht weit vom Ritterbad eine enorme Villa bauen ließ, bald auch die „Russen-Villa“ genannt.

Natürlich hatten diese Personen alle eins gemeinsam: Sie bezahlten ihre Kur selbst. Das unterscheidet sie von der Mehrzahl der Gegenwartskurgäste. Wer heute nach Bad Kösen oder in ein anderes der rund 350 Heilbäder Deutschlands fährt, ist weniger Gast, er ist Patient. Und die Krankenkassen genehmigen immer weniger Kuren, ein Drittel aller Anträge wird abgelehnt, und der Aufenthalt hat sich von einst üblichen vier Wochen längst auf drei verkürzt.

Die Alten, sagt Fichtner, haben es besonders schwer: Was, Sie wollen zur Kur fahren? Aber wenn Sie wiederkommen, sind Sie immer noch alt!

Letztlich rechtfertigt sich eine von der Kasse bezahlte Leistung durch die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit des Mitglieds. Dieser Ansatz ist bei dieser Gruppe der volkswirtschaftlich Entbehrlichen eher nicht gegeben. Es ist wohl so: Wem die Kasse seinen Aufenthalt bezahlt, der ist kein Kurgast, er ist Reha-Patient. Rehabilitation. Was für ein ernüchterndes Wort. Nichts Zielloses, nichts Luxuriöses schwingt darin, im Gegenteil. Re-ha-bi-li-ta-tion, jede Silbe ein Hammerschlag. Heißt: Gesundheit ist harte Arbeit!

Morgens Fango, abends Tango

Bad Kösen hat drei Reha-Kliniken, sie liegen direkt hinter dem Gradierwerk, dort, wo noch bis Anfang der 90er Jahre die Rote Armee war. Ein Militärstützpunkt als Kurbad! Ein Kurbad als Militärstützpunkt!

Der Kasernenhofton bemächtigte sich auch des Kurwesens. Kösen wurde „Volkssolbad“ und „Leitkureinrichtung des Bezirkes Halle“. Die Leitkureinrichtung gab eine „Kurfibel“ heraus, die der Gast, so war vermerkt, „umgehend“ zu lesen habe. Das größte Kurhotel „Zum mutigen Ritter“ wurde zum „Sanatorium Ernst Thälmann“, benannt nach einem der mutigsten Ritter des Kommunismus. Ansonsten folgte auch das real existierende sozialistische Kurwesen dem Grundsatz „Morgens Fango, abends Tango“.

Jeder Werktätige bekam seine Kur in der DDR, schon weil, was früher Luxus der wenigen eher Wenigarbeitenden war, jetzt Komfort der vielen Vielarbeitenden sein sollte.

Kuren für die, die sie nötig haben!

In der alten Bundesrepublik war das nicht anders, schon weil die Idee einer gesetzlichen Krankenversicherung eine tief sozialistische Idee ist, selbst wenn der Sozialistenfresser Bismarck – Weltneuheit! – sie einführte. Wenn der einfache Arbeiter eine Operation braucht, die er niemals bezahlen könnte, und die Solidargemeinschaft übernimmt die Kosten, dann hat das mit gesundheitlicher Marktwirtschaft nullkommagarnichts zu tun. Und die Abwehr von beginnenden, noch widerrufbaren Schäden – auch Kur genannt – sponsert sie ebenso. Nein, falsche Zeitform: sponserte sie.

Ich investiere!, sprach der Reha-Unternehmer Hermann Lielje schon 1990, da waren die Russen noch gar nicht richtig weg. Heute ist sogar eine Straße in Bad Kösen nach ihm benannt, der Hermann-Lielje-Ring. Die Architektur seiner Einrichtungen neigt etwas zur Freudlosigkeit, oder sagen wir: zur ästhetischen Unbelangbarkeit, aber warum sollten die Häuser höher gestimmt sein als die Menschen, die sie aufnehmen sollen?

Von Seelöwen und Seelöwinnen

An Rollatoren und Gehhilfen bewegen sie sich fort, ungefähr so, wie der Rheumatiker und gichtgekrümmte Hermann Hesse eine Leidensgefährtin beschrieb: Sie „verkniff sich keine kleinste Reflexbewegung, sie nahm jede denkbare Erleichterung, jedes sich anbietende Spiel einer Hilfsmuskulatur in Anspruch, und so turnte, so balancierte und schwamm sie, breit sich durchkämpfend, wie eine Seelöwin über die Straße“. In Hesses Augen verletzte sie die ebenso ungeschriebene wie unangefochtene oberste Regel, nach der ein jeder Kurgast nur einen wirklichen Ehrgeiz besitze: viel gesünder zu scheinen, als er in Wirklichkeit ist.

Bad Kösen ist voll von Seelöwen und Seelöwinnen. Ironischerweise liegt unmittelbar vor dem Klinikum I ein schöner, großer Fußballplatz.

Waren es im 19. Jahrhundert vor allem Tuberkulose und andere Bronchialbeschwerden, die die Minderatmer aus den rußgeschwärzten Städten in die Solebäder führten, so schätzen die Osteoporösen, die Hüftoperierten und Rheumatiker von heute vor allem den Auftrieb der Sole. Im warmen Salzwasser liegen dürfen, und es ist, als wäre man fast schwerelos. Gewichte abwerfen! Leichter werden!

Eigentlich sollten es fünf Reha-Kliniken in Bad Kösen werden, aber dann kam das Jahr des Schreckens 1997. Die „große Kurkrise“ brach aus. Manche Orte verloren ohne Vorwarnung mehr als die Hälfte ihrer Gäste. 40 000 Beschäftigte im Kurwesen wurden arbeitslos, mehr als 120 Kurkliniken mussten schon 1999 schließen.

Hedonismus und drohende Hinfälligkeit

Was war geschehen? Die CDU/CSU-FDP-Bundesregierung hatte ein paar neue kostensparende Gesetze gemacht, unter anderem das Beitragsentlastungsgesetz zur Senkung der Lohnnebenkosten. Die Ausgaben für „Rehabilitation“ sollten um ein Drittel gekürzt werden. Die Zuzahlungen für Patienten wurden erhöht, und pro Kurwoche mussten diese zwei Tage von ihrem Jahresurlaub hergeben. Der Begriff „Kur“ wurde gestrichen.

Morgens Fango, abends Tango? Hat das Wort nicht einen so ganz und gar nicht kassenpflichtigen Beiklang? Klingt „Kur“ nicht mehr nach „Kurschatten“ und anderen Hedonismen als nach drohender Hinfälligkeit?

Hinaustreten aus Klinikum I, vor dem höchsten Gradierwerk Deutschlands stehen und über die Weinberge des Saaletals schauen. In weiße Tücher gehüllt, sollte der Kurgast leichtfüßig vor den riesigen Holzstämmen wandeln, aus deren mit Bast gefüllten Zwischenräumen leise die Sole rieselt. Und atmen, immer atmen, das All einlassen ins Ich. Die Nordsee zwischen Reben schmecken.

Aber so würde die heutige Avantgarde des Kurgedankens das nie sagen, so könnte sie das nicht einmal denken, denn ihr ist so asketisch zumute. Wein?

Und was sagt mein Darm dazu, von der Leber nicht zu reden?

Leben heißt, sich zu entgiften! Der Darm ist mein zweites Gehirn!

Es hat schon eine Weile gedauert, diesen, nun ja, etwas lustfernen Gedanken so populär und elitär zugleich zu machen, dass Menschen bereit sind, viel Geld auszugeben, um sich ganz auf das Mysterium ihrer Verdauung zu konzentrieren. Und zwar ihr eigenes Geld, nicht das der Kassen.

Zucht statt Genuss

Baden-Baden ist gewissermaßen Bad Kösens große Schwester. Auch hier sah man nach der Kurkrise mit Sorge in die Zukunft. Auch hatte der Glanz der alten Hotels längst etwas Melancholisches, aus der Zeit Gefallenes angenommen. Wer fuhr schon noch zu Trinkkuren?

Baden-Baden erfand das Medical-Spa-Konzept. Klinikurlaub für Besserverdienende! Schöner verzichten! Teurer entsagen! Nur Menschen ohne jede Selbstverantwortung flegeln von Partys übernächtigt mit einem Softdrink am Pool, bevor sie Anlauf nehmen zum All-you-can-eat-Buffet. Nur Egoisten, die die tägliche selbstlose Dienstbarkeit ihres Verdauungstrakts für eine Selbstverständlichkeit halten, die keiner Dankbarkeit, keiner Gegenleistung bedarf, wollen eine Hotelbar in der Lobby und eine Minibar auf dem Zimmer. Die anderen aber fahren statt in den Urlaub in die Klinik.

Zucht statt Genuss!

Es war eine sehr gewagte Idee. Aber eine mit durchschlagendem Erfolg, nicht nur in Baden-Baden.

Statt fremde, zunehmend unberechenbare Länder schlagen die Well-Clinics ein ganz neues, exzentrisches Reiseziel vor: die „Reise zu sich selbst“. Mit Gynäkologen, Dermatologen, Neurologen, Orthopäden … und natürlich Gastroenterologen als Reiseführern, mit Harn- und Hormonprofil, Hydrotherapie als täglichen Exkursionen. Der „Lanserhof“ am Tegernsee ist soeben zum „World’s Best Medical Spa“ gewählt worden.

Vorsorge statt Nachsorge!

Je weniger, desto teurer

Wellness ist das natürlich nicht. Wellness ist der herabgestimmte Kurgedanke ohne akute Leidensindikation, mit viel zu hohem Spaßfaktor. Denn die Betonung des Umstandes, nicht ganz freiwillig hier zu sein und zu entbehren, gehört zur Indikation. Es gibt sie also doch, die Nachfahren der wahren, also selbstzahlenden Kurgäste des 19. Jahrhunderts.

Würden Thomas Mann und Hermann Hesse sich in ihnen wiedererkennen? Die Schwindsucht, die Schönheit und der Geist schienen eine innere Verwandtschaft miteinander zu haben.

Aber der vorsätzlich verursachte Durchfall?

Die Lungenleidenden und Schwindsüchtigen von damals aßen gut und viel und wurden trotzdem immer durchscheinender. Ihre Nachfolger von heute dagegen prüfen kleinste Arrangements aus Dinkelnochwas, ob sie eine heimliche Tendenz zur Üppigkeit darin erkennen können. Denn niemand kann sein inneres Gleichgewicht finden, wenn sein Darm das seine vielleicht gerade verloren hat. Die Annahme, dass Fastnichtsessen fast nichts kostet, darf als kontrafaktisch gelten. Die Regel in den Fünf-Sterne-Medical-Spa-Häusern lautet: Je weniger ich esse, desto teurer wird es.

Die Lust an der visuellen Vergiftung

Zurück in Bad Kösen. In der früheren Russenvilla wird das Abendbuffet vorbereitet. Diejenigen, die vor den noch geschlossenen Saaltüren warten, können alle laufen, und atmen können sie auch. Trotzdem scheint es vielen, als habe sie das Leben längst vergessen. Fichtner, der Nachfahr der Kösener Bademeister, nennt sie betont neutral „die, die mit den Verhältnissen nicht zurechtkommen“. Alkoholiker und Depressive, durchschnittliche Verweildauer: drei Monate. Die Kasse zahlt. Die Seele heilt langsamer als der Körper, und sie neigt zu Rückfällen. Ausgesetzt auf ihrer je eigenen Leidens- und Versagensinsel, kann keiner hier diese sofort verlassen, aber es tut schon gut zu wissen, dass es Nachbarinseln gibt. Und so viele.

In dem „World’s Best Medical Spa“ am Tegernsee hängt kein einziges Bild an der Wand. Sie nennen das „visual detoxing“. Aber hier, was für eine Lust, sich visuell zu vergiften. Am besten mit Schönheit. Was für Deckenmalereien! Was für Flügeltüren! Alles sorgfältig restauriert. Sollen die anderen sich doch visuell entgiften. Ein Land, das seine fehlbarsten Bürger unter solche Decken, zwischen solche Türen setzt, ist nicht verloren.

Natürlich ist es unfair, zwischen Weingütern die Abstinenz lernen zu sollen. Wirklich? Im Mai, wenn das Thermalbad wieder eröffnet hat, ist Brunnenfest in Bad Kösen. Dann bringen die Knappen riesige Humpen zum Anstoßen. Doch darin ist: Sole, die Sole der neuen Saison.

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