Welt : Wer ist Friedrich Christian Flick?

Bernhard Schulz

WAS IST ER FÜR EIN MENSCH?

Er ist groß und kräftig, hat volles, weißes Haar und spricht mit sonorer Stimme. Friedrich Christian Flick, der am heutigen Sonntag seinen 60. Geburtstag feiert, ist eine beeindruckende Erscheinung. Wo er auftaucht, füllt er den Raum. Luxus ist ihm selbstverständlich, zumal wenn er funktional ist. Bei der Wahl seiner Hotels legt er auf perfekten Service wert, nicht auf die Größe der Suite. Der schwarze S-Klasse-Wagen rahmt die Person mit unaufdringlicher Selbstverständlichkeit. Wer sich mit ihm unterhält, erlebt einen auf die Sache konzentrierten Gesprächspartner.

In der in Zürich beheimateten Verwaltung seiner Kunstschätze ist spürbar, wie sehr er mit Kunst lebt und sie weder als Dekoration noch als Statussymbol unterfordert. Seine Leidenschaft ist unübersehbar – eine gezügelte, durchaus uneitle Passion.

Nach Jahrzehnten eines glamourösen Lebenswandels, hinter dem die Professionalität des beruflichen Engagements verdeckt blieb, hat Flick seine Bestimmung gefunden. Regelungen für den Zusammenhalt seiner Sammlung über den Tod hinaus hat er längst getroffen.

WOHER STAMMT SEIN VERMÖGEN?

Wie sein ein Jahr älterer Bruder Gert-Rudolf „Muck“ galt Friedrich Christian „Mick“ Flick als jugendlicher Playboy unter Deutschlands Reichen. Als Enkel des legendären, 1972 verstorbenen Konzernbauers Friedrich Flick gerieten die Brüder sowie ihre Schwester Dagmar in eine heftige Auseinandersetzung um die Aufteilung des Erbes. Am Ende standen sie mit Barabfindungen in einer gemeinsamen Gesamthöhe von mehr als 500 Millionen Mark da, aber ohne Einfluss auf die Firmen des Konzerngründers. Mick Flick, der wie sein Bruder Jura studiert und darin auch promoviert hatte, erwies sich als außerordentlich erfolgreicher Manager seines Privatvermögens. Es wird heute auf etwa 500 Millionen Euro taxiert. Lange Zeit arbeiteten die Brüder gemeinsam an der Sammlung von Aktienpaketen und deren Weiterverkauf, wobei sie seit 1979 von der Schweiz aus agieren. Im Kurort Gstaad genießt Flick seit 1979 Aufenthaltsrecht – übrigens als Nachbar von Heinz Berggruen, den er als Freund und Berater schätzt –, in Hergiswil ist seine Vermögensverwaltung ansässig.

WIE WURDE FLICK ZUM MÄZEN?

Im Januar 2001 überraschte Friedrich Christian Flick die Schweizer Öffentlichkeit mit der Ankündigung, vom niederländischen Architekten Rem Koolhaas im Westen Zürichs ein Museum für seine geschätzte 2500 Arbeiten umfassende Kunstsammlung entwerfen zu lassen. Dort, im früheren Industriegebiet der Schweizer Metropole, hatte sich in den vorangegangenen Jahren eine reiche kulturelle Szene etabliert. In unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Büro, von dem aus Flicks Kunstsammlung verwaltet wird, befindet sich mit dem Schiffbau-Areal ein aufwändig sanierter Industriebau, der unter anderem dem Schauspielhaus als zweite Spielstätte dient.

Der damalige Schauspiel-Direktor Christoph Marthaler war es auch, der sich an die Spitze einer Anti- Flick-Bewegung stellte. Er wolle den Mann nicht zum Nachbarn haben, so Marthaler, der auf dem Areal des Turbinenbauers Sulzer Escher Wyss AG seine von der Kritik mit viel Vorschusslorbeeren bedachte erste Spielzeit organisierte.

Schon damals legte Mick Flick die Linie fest, der er bis heute treu geblieben ist: die der Unterscheidung von Schuld und Verantwortung. „Wie kann ich schuldig sein für etwas, das ich nicht getan habe?“, erklärte er bereits im März 2001: „Ich sehe mich nicht in einer Schuld, sondern in einer politischen und persönlichen Verantwortung, von meiner Seite dazu beizutragen, dass sich in der Geschichte Unheil, wie es im so genannten Dritten Reich angerichtet wurde, nicht wiederholt.“ In Potsdam gründete Flick 2001 seine „Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz“, ausgestattet mit zehn Millionen Mark Kapital, die der in Zürich bekräftigten Zielsetzung verpflichtet ist und „schwerpunktmäßig auf die Basisarbeit mit Jugendlichen zwischen fünf und fünfzehn Jahren“ setzt.

WIE FANDEN BERLIN UND FLICK ZUEINANDER?

Der Zürcher Protest schlug Wellen. Flick fand sich als persona non grata ausgerechnet in der Stadt gegeißelt, der er ein Museum schenken wollte. Erste Kontakte zu Berlin wurden beim Jahresessen des Vereins der Freunde der Nationalgalerie im Februar 2002 geknüpft. Bald darauf erreichte Flick die Anfrage von Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), ob er sich eine Präsentation seiner Sammlung in Berlin vorstellen könne. Im Sommer wurde dann die nach der zuvor dort tätigen Spedition bezeichnete „Rieck- Halle“ neben dem Hamburger Bahnhof, dem „Museum der Gegenwart“ im Kreis der Staatlichen Museen Berlin, als Standort der Flick-Sammlung ausgeguckt.

Nach längeren, diskret geführten Verhandlungen gab die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Trägerin der Staatlichen Museen in der Weihnachtszeit den bevorstehenden Abschluss eines Leihvertrags mit Flick bekannt, der Anfang Januar 2003 unterzeichnet wurde. Mit deutlicher Unterstützung der Bundesregierung und aller politischen Parteien traten Flick und Preußenstiftung-Präsident Lehmann vor die Öffentlichkeit.

Anerkennend vermerkt wurde die Ankündigung Flicks, selbst für den Umbau der Lagerhalle aufzukommen und den Leihvertrag auf sieben Jahre abzuschließen – bereits mit der Aussicht auf Verlängerung. Nun steht die Eröffnung der Flick- Collection, wie sie mittlerweile offiziell heißt, unmittelbar bevor: Am Abend des 21. September will Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Rieck-Halle das Wort ergreifen.

WELCHE POLITISCHE BRISANZ HAT DIE FLICK-COLLECTION?

Mick Flick ist ein Enkel Friedrich Flicks, dem Konzernschmied aus dem Siegerland. Im „Dritten Reich“ hielt der engen Kontakt zu den Machthabern und erhielt schon 1937 den Ehrentitel eines „Wehrwirtschaftsführers“.

Da nun sein Erbteil aus dem Vermögen des Großvaters herrührt, erhob im Mai dieses Jahres Salomon Korn, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, gegen Mick Flick den Vorwurf des „Blutgeldes“ – ungeachtet der Tatsache, dass dieser den Großteil seines heutigen Vermögen selbst erwirtschaftet hat. Während diese Vermengung der Untaten des alten Flick mit dem Vermögen seines Enkels in der Öffentlichkeit weitgehend zurückgewiesen wird, besteht Einigkeit in der Forderung, die Familiengeschichte aufzuarbeiten und anlässlich der Sammlungspräsentation zu dokumentieren. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat dem Münchner Institut für Zeitgeschichte einen entsprechenden Forschungsauftrag erteilt; Mick Flick beteiligt sich an der Finanzierung.

Neu in der Öffentlichkeit sind allerdings die Unstimmigkeiten, die offenkundig zwischen den drei Geschwistern über den Auftritt Friedrich Christian Flicks herrschen. Die Schwester Dagmar Ottmann überraschte im Spätsommer in der „Zeit“ mit einem langen, offenen Brief, in dem sie sich von dem Vorhaben des Bruders in erstaunlicher Schärfe distanzierte. Sie betonte, dass sie „mit dem Ausstellungsprojekt nichts zu tun“ habe „und es in der jetzigen Form nicht gutheiße“. Zumindest eine Verschiebung regte sie an.

Gegen eine frühere Äußerung Flicks, der „dunklen Seite“ der Familiengeschichte „eine hellere hinzufügen“ zu wollen, wetterte Dagmar Ottmann: „Genau in diesem Versuch der Umwidmung liegt für mich das eigentlich Anstößige, von dem man sich nicht energisch genug distanzieren kann.“ Mick Flick äußert sich dazu nicht. Der ursprünglich für Berlin angedachte Name der Sammlung, „Flick-Collection“, wurde jedoch vor kurzem stillschweigend in „Friedrich-Christian-Flick-Collection“ abgeändert.

WELCHE KUNSTWERKE UMFASST DIE SAMMLUNG?

Das ist das große Geheimnis, das nicht einmal der Sammler selbst kennt: Denn die etwa 2500 Werke hat er zwar jeweils beim Kauf, nie aber im Zusammenhang gesehen. Das Zürcher Büro in einem ehemaligen Industriebau gab bislang nur einen ersten Eindruck. Zwar wurden von dort zahlreiche Arbeiten an Museen ausgeliehen, doch erst die Präsentation in Berlin wird ein Urteil ermöglichen.

Gekauft hat Flick vor allem bei den Galeristen Hauser & Wirth in Zürich sowie David Zwirner in New York. Schwerpunkte sind umfangreiche „Werkblöcke“ des Amerikaners Bruce Nauman, der zu den höchstbewerteten Künstlern der Gegenwart zählt, von Martin Kippenberger, Gerhard Richter – mit dem Flicks Interesse an zeitgenössischer Kunst begann –, Sigmar Polke oder Thomas Schütte. Außerdem schätzt Flick die älteren Arbeiten von Alberto Giacometti und Francis Picabia. Der Wert der Sammlung wird auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt.

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