Welt : Wer macht die Schönste im ganzen Land?

In China ist die plastische Chirurgie ein großes Geschäft. Jetzt wird die erste „künstliche“ Schönheitskönigin gekürt

Harald Maass[Peking]

Anmutig schreitet Liu Yajuan über die Bühne. „Ich wollte immer ein Model werden“, sagt die 22-Jährige. Um ihr Ziel zu erreichen, ließ die junge Frau aus der Provinz Hebei ihre Nase operieren, die Augen vergrößern und in einem Eingriff sogar die Beine verlängern. Liu ist eine der 20 Frauen, unter denen am Samstag in einem Pekinger Opernhaus die erste „künstliche“ Schönheitskönigin Chinas gekürt wurde. Die aus Hunderten Kandidatinnen ausgewählten Frauen im Alter zwischen 18 und 62 Jahren traten in Badeanzügen auf und sprachen über ihre Hobbys.

Eine Jury aus Chirurgen und Ärzten kürte die 22-jährige Feng Qian zur Schönsten. Im Gegensatz zu den üblichen Wettbewerben, bei denen operative Eingriffe am Körper streng verboten sind, ist hier die künstliche Verschönerung sogar Voraussetzung: Mindestens eine Schönheitsoperation hat jede Frau hinter sich.

„Dieser Wettbewerb zeigt das starke Streben der Frauen nach Schönheit“, sagt Mitorganisatorin Han Wei. Unterstützt wird die Veranstaltung von der Chinesischen Gesellschaft für plastische Chirurgie. In den Medien ist der Wettbewerb dagegen umstritten: Allein „die Fähigkeiten der Chirurgen“ würden über Sieg und Niederlage entscheiden, kritisiert die Pekinger Jugendzeitung. Das Internetportal „Qian Long“ sieht in dem Wettbewerb gar eine „Abwertung der Menschheit und unserer aller Würde“. Liu Yulan, mit 62 Jahren die älteste Kandidatin, ist dagegen begeistert: „Mir geht es nicht um den Preis“, sagt die Frau mit dem faltenfreien Gesicht und schwarz gelocktem Haar. Ihr jugendliches Aussehen verdanke sie dem Facelifting, Kinnstraffung und einem kosmetischen Eingriff zur Vergrößerung der Augen. „Schönheit wird nicht vom Alter begrenzt“, schwärmt sie. An dem Wettbewerb hat sie gegen den Widerstand ihrer Familie teilgenommen. Liu Xiaojing, 21, war bis vor drei Jahren ein Mann. Von ihrer mehrere Jahre dauernden Umwandlung zur Frau berichtet sie: „Fast jeder Teil meines Körper war unter dem Messer. Dafür bin ich heute schöner und femininer.“

Auslöser für die Kür der „künstlichen“ Schönheitskönigin war Disqualifikation der 19jährigen Yang Yuan bei der chinesischen Endausscheidung zur „Miss Intercontinental“ im Mai aufgrund von elf chirurgischen Körperverschönerungen, die sie verheimlicht hatte. Nach einem Streit in den Medien hatten die Veranstalter versprochen, einen Schönheitswettbewerb extra für die „renzao meinü“ durchzuführen, wie die „künstlichen Schönheiten“ in China genannt werden.

In China boomt das Geschäft mit der Eitelkeit: 20 Milliarden Yuan (1,8 Milliarden Euro) werden im Jahr für Schönheitsoperationen ausgegeben. Damit die Augen größer und westlicher aussehen, lassen sich jedes Jahr Tausende ein doppeltes Augenlid operieren. Wangen und Brüste werden mit Silikon aufgespritzt, am Bauch Fett weggesaugt.

Das gute Aussehen soll bei der Suche nach einem wohlhabenden Mann oder einem Arbeitsplatz helfen, denn nicht nur chinesische Regierungsbehörden beurteilen Jobkandidaten oft nach äußeren Kriterien. Weil viele Firmen bei der Einstellung eine Mindestgröße verlagen, unterziehen sich immer mehr Frauen schmerzhaften „Verlängerungsoperationen“, bei denen Ärzte die Beinknochen brechen und gestreckt wieder zusammenwachsen lassen. Viele dieser Eingriffe führen zu Verkrüppelungen der Patienten. Die Opfer der Schönheitsindustrie waren bei dem Wettbewerb nicht zu sehen.

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