Welt : Wer nicht kommt, macht sich verdächtig

In Niedersachsen wird per Speicheltest nach dem Mörder von Christina Nytsch gefahndet STRÜCKLINGEN (rtr/ AP).Mitten in den Osterferien herrscht in der Marienschule in Strücklingen rege Betriebsamkeit.Reihenweise kommen junge Männer aus dem Ort, von denen viele früher einmal selbst an den kleinen Tischen und Bänken gesessen haben.Im Klassenzimmer hängen bunte Kinderbilder an der Wand, am Pult sitzt ein junger Polizeibeamter in Uniform: "Ich mach jetzt einen Abstrich im Mund links oben und rechts oben und auf beiden Seiten am Unterkiefer", erklärt er dem 23 Jahre alten Dieter.Die Erläuterung dauert fast länger als die Prozedur selbst - in weniger als zehn Sekunden ist die Speichelprobe erledigt. Strücklingen ist das Heimatdorf von Christina Nytsch, die vor fast vier Wochen entführt, sexuell mißbraucht und erdrosselt wurde.Vom Mörder der Elfjährigen hat die Polizei einen unverwechselbaren genetischen Fingerabdruck.Mit der größten gentechnischen Reihenuntersuchung in der deutschen Kriminalgeschichte hofft die Sonderkommission, die Maschen der Fahndung so eng zu knüpfen, daß der Täter darin hängenbleibt.Zugleich soll der Massentest mithelfen, Mißtrauen abzubauen, das durch die Vermutung entstand, der Täter stamme aus der Region."Die Menschen sollen sich hier wieder in die Augen sehen können", sagte Polizeisprecher Gerrit List. Zum Vergleich mit dem genetischen Fingerabdruck des Täters sind im weiten Umkreis um Strücklingen am Gründonnerstag und Karfreitag 18 000 jungen Männer zwischen 18 und 30 Jahren zur Speichelprobe aufgerufen.Die Aktion sei zunächst freiwillig, teilte die Polizei mit.Notfalls sollten die Betroffenen aber auch zur Untersuchung verpflichtet werden."Da gehen die automatisch hin", sagt eine 18jährige von ihren Altersgenossen."Ich kenn keinen, der da nicht hingeht." Tatsächlich geben sich die Männer in der Marienschule die Klinke in die Hand.Oft warten vier bis fünf junge Leute, bis sie an der Reihe sind.Ohne Pause sind Polizisten und Freiwilligen damit beschäftigt, Namen abzuhaken und eine Kennummer auf jedes Röhrchen zu schreiben. Die Speichelproben werden im Landeskriminalamt Hannover ausgewertet."Wir arbeiten über Ostern mit Sonderschichten", sagte eine LKA-Sprecherin.Das LKA habe noch niemals einen solch großen Auftrag zu erledigen gehabt.Die Fachleute seien aber guter Dinge, die Überprüfung in überschaubarer Zeit zu bewältigen. Die Reaktion der Bevölkerung im Umkreis von Strücklingen war den Angaben zufolge "insgesamt sehr positiv".Juristen und Gerichtsmediziner übten dagegen Kritik an der Aktion.Hubert Poche, Gen-Experte der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, äußerte am Donnerstag im Saarländischen Rundfunk, die Speichel-Entnahmen seien nicht gerechtfertigt.Es könne durchaus passieren, daß der Täter sich nicht unter den 18 000 Getesteten befinde."18 000 Menschen durchzutesten, damit legen sie Labore lahm", sagte Poche.Die gesamte Aktion würde bis zu 4,5 Millionen Mark kosten.Ihm sei nur ein Massentest in England bekannt, bei dem mehrere tausend Männer untersucht wurden - mit Erfolg."Der letzte ist es wirklich gewesen", sagte Poche.Wenn die Tester eine Übereinstimmung der Gene feststellen, sei dies ein sicheres Indiz für die Tat: "Da kommt keiner raus". Stichwort: "Speichelprobe"Bei der größten Gen-Reihenuntersuchung der deutschen Kriminalgeschichte ist die Polizei trotz des häufig genutzten Begriffs "Speichelprobe" nicht auf den Speichel der getesteten Männer aus.Vielmehr braucht sie zur Ermittlung des genetischen Fingerabdrucks winzige Zellen - sogenannte Epithelzellen - aus dem Mund.In ihnen finden Molekulargenetiker die Kette mit den menschlichen Erbinformationen, die sogenannte DNS (Desoxyribonukleinsäure). Bei der Entnahme wird den Männern ein 15 Zentimeter langes Wattestäbchen in den Mund geführt und mehrfach an der Wangeninnenwand hoch und herunter gerollt.Die Zellen, die der menschliche Körper abstößt, bleiben an der Watte kleben.Das Verfahren dauert höchstens fünf Sekunden. Die Untersuchung der Proben läuft in mehreren Schritten.Beim ersten, dem sogenannten Massenscreening, muß pro Probe mit etwa 50 Mark Kosten kalkuliert werden.Je feiner die Merkmalmuster sind, desto teurer wird die Analyse und kann bis zu 1000 Mark pro Probe kosten.dpa

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben