Werbinich : „ Jugendliche brauchen eine Bezugsperson“ Pädagogin votiert für Schulsozialarbeit

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Sie haben sich mit den Problemen an Hauptschulen befasst. Kommen Ihnen die Vorfälle an der Rütlischule bekannt vor?

Mir kommt bekannt vor, dass Lehrer an einen Punkt gelangen, an dem sie mit ihren Unterrichtsmethoden nicht weiterkommen. Das Problem ist aber nicht der Hauptschulbesuch an sich, sondern die in diesem Zusammenhang stehenden Prozesse der Ausgrenzung und Degradierung. Die Schüler werden zu stark mit ihren Defiziten gesehen und konfrontiert, aber nicht mit ihren Stärken. Die Hauptschule vertritt die Normen und Werte der Mittelschicht, die Jugendlichen haben aber andere Werte und kommen vor allem aus sozial benachteiligten Milieus.

Es wird oft gesagt, dass junge Migranten zwischen den Kulturen „hängen".

Ja, es gibt zum einen die Sphäre der Familie mit ihren Werten und zum anderen die der Gesellschaft. Deshalb ist Jugendarbeit wichtig, um zwischen diesen beiden zu vermitteln. Provokationen gegenüber den Pädagogen sind im Grunde der Ausdruck einer Orientierung bei extremer Orientierungslosigkeit. Die Erwachsenen sollen Reaktionen zeigen. Was Jugendliche brauchen, ist eine Bezugsperson, jemand, der ihnen als Vorbild dient. Fehlt die, so wird etwa ein Jugendlicher zum Vorbild, der im Gefängnis sitzt.

Als Maßnahme gegen die Gewalt an den Hauptschulen sollen jetzt verstärkt Sozialarbeiter in die Schulen gehen und Schulstationen gegründet werden.

Das ist die richtige Strategie. Schulstationen bieten eine Möglichkeit, Räume zu schaffen, die von den Jugendlichen anders angeeignet werden als die Schulklassenräume: Die Schüler können dort ihre Themen einbringen. Schulstationen müssen aber in ein pädagogisches Konzept eingebunden werden. Deshalb sollte man auch Ganztagschulen verpflichtend einführen. Hier sollten Nachbereitungsstunden durchgeführt werden und Kooperationen mit außerschulischen Partnern, z. B. Anti-Gewalt-Trainern oder Wirtschaftsunternehmen, stattfinden.

Was würden Sie als Expertin der Politik raten, um die Hauptsschule zu retten?

Ich würde die Diskussion nicht am System festmachen, individuelle Förderung ist jetzt das Stichwort. Vor allem sollte man danach fragen, was die Jugendlichen in den Schulen brauchen. Notwendig ist auch, die Fortbildungen von Lehrern zu verbessern und die Ausbildung überhaupt, um auch mit bildungsfernen Jugendlichen arbeiten zu können. Nicht nur die Jugendlichen müssen lernen, sondern auch ihre erwachsenen Begleiter.

C. Streblow: Schulsozialarbeit und Lebenswelten Jugendlicher, Budrich-Verlag

Claudia Strebl ow ,34, arbeitet bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Sie promovierte über Sozialarbeit am Beispiel einer Berliner Hauptschule. Mit ihr sprach André Glasmacher.

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