Werbinich : „250 Stunden Arbeit für drei Prüfungen“

Schulleiter Wolfgang Harnischfeger über die aktuellen Gründe von Lehrerüberlastung und Burn-out Seine Forderungen: Unterstützung durch Verwaltungskräfte und Minderung des Korrekturaufwands

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Seit vielen Jahren klagen Pädagogen über Burn-out, aber erst jetzt kommen die Überlastungsanzeigen, die von tausenden Lehrern mitgetragen werden. Hat sich die Lage an den Schulen weiter verschärft?

In der letzten Legislaturperiode wurde eine Vielzahl von Neuerungen in allen Schulstufen eingeführt – mit weit reichenden inhaltlichen und organisatorischen Konsequenzen. Um nur die wichtigsten zu nennen: Sprach- und Lernstandserhebungen, vorgezogener Schuleintritt mit flexibler Schulanfangsphase, Verlagerung der Horte an die Grundschulen, mittlerer Schulabschluss, neue Präsentationsprüfungen in Klasse 10 und 13, Zentralabitur, Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur, neue Rahmenpläne in allen Fächern. Einzeln sind alle Maßnahmen diskussionswürdig und auch sinnvoll, aber zusammen führten sie in den letzten Jahren zu einer Häufung von Problemen, die über ein Maß an Veränderungsbereitschaft, wie es von jedem Arbeitnehmer heute erwartet werden darf, weit hinaus geht. Auch die Verwaltung war vielfach überfordert und konnte demzufolge notwendige Hilfen nicht oder nicht rechtzeitig bereitstellen.

Warum gingen die aktuellen Beschwerden nicht von Hauptschulen in sozialen Brennpunkten, sondern von Gymnasien in bürgerlichen Gegenden aus?

Ich vermute, dass die Hauptschulkollegen sich durch die Diskussion um die Rütli-Schule in der Öffentlichkeit genügend wahrgenommen fühlten, während das für die Gymnasien nicht der Fall war. Man wollte darauf aufmerksam machen, dass eine Aufteilung in problembeladene Kiezschulen und gymnasiale Ruhezonen nicht der Wirklichkeit entspricht. Viele der Veränderungen betreffen das Gymnasium und führen dort zur Mehrarbeit.

Gymnasial- und Gesamtschullehrer berichten, dass sie vor lauter seitenlangen Reformvorschriften und Verordnungen kaum noch zum Wesentlichen, dem guten Unterricht, kommen. Aber müsste sich dieses Problem nicht nach den ersten Probeläufen in ein oder zwei Jahren geben?

Mit zunehmender Erfahrung werden sich die Abläufe einspielen, es wird dann weniger Reibungsverluste geben. Bleiben wird der zusätzliche Zeit- und Beratungsbedarf. Ich will dies für das Gymnasium belegen: Im mittleren Schulabschluss sind je eine mündliche Prüfung in der ersten Fremdsprache und eine Präsentationsprüfung mit einem Zeitbedarf von 20 Minuten pro Schüler verbindlich. Weiter wird es im nächsten Abitur erstmals eine zusätzliche fünfte Prüfung geben, eine schriftliche Ausarbeitung und/oder einen medial gestützten Vortrag von ebenfalls 20 Minuten pro Prüfling. Für diese – an sich durchaus sinnvollen – Neuerungen muss die Schulorganisation stark verändert werden, da die Prüfungen vor einem Ausschuss von zwei bis drei Lehrkräften stattfinden. Es wird zwangsläufig deshalb zu mehrtägigem Unterrichtsausfall für die nicht betroffenen Jahrgänge kommen, da man nicht alle Prüfungen in den Nachmittag legen kann.

Was kann das konkret für eine Schule bedeuten?

Für meine Schule, das Beethoven-Gymnasium, liegt der geschätzte zusätzliche Zeitbedarf für alle drei genannten Prüfungen bei etwa 250 Stunden Prüfungszeit, Gruppenprüfungen einbezogen. Jeder Schüler und jede Schülerin muss außerdem beraten und betreut werden, was wegen der Einzelthemen nicht im regulären Unterricht stattfinden kann, die schriftlichen Ausarbeitungen müssen zweifach begutachtet werden, und zwar gerichtsfest, das heißt mit ausführlichem Gutachten. Ich denke, es wird deutlich, dass die Klagen über zeitlich zusätzliche Beanspruchung kein übliches Propagandagejammer darstellen, sondern einen realen Bezug haben.

Kann man diesen Aufwand nicht durch intelligentes Management in den Schulen eindämmen?

Intelligentes Management wird dafür sorgen, dass die Arbeit gleichmäßig verteilt wird, dass also nicht dieselbe Lehrkraft in Klasse 10 und im Abitur eingesetzt wird. Dies geht an großen Schulen, an kleinen wird es unvermeidlich zu Doppelbelastungen kommen. Intelligentes Management bestände auch darin, für längere Phasen des Unterrichts ohne Unterbrechungen zu sorgen, zum Beispiel die Winterferien abzuschaffen und überall zentrale Prüfungstage einzuführen, damit man in Ruhe arbeiten und dann konzentriert prüfen kann.

Die meisten Unterschriftenlisten für die Überlastungsanzeigen wurden bei Personalversammlungen gesammelt. Kann es nicht sein, dass die Personalräte auch die Gunst der Stunde nutzen wollen nach dem Motto: Der neue Senator soll gleich begreifen, dass er mit uns rechnen muss?

Es kann sein, dass die Personalräte ein solches Kalkül hatten, es wäre ja auch schlau von ihnen. Aber zu einer solchen Resonanz verhalfen ihnen keine Tricks, sondern die Wirklichkeit. Außerdem ist es Aufgabe der Personalräte, die Interessen der Beschäftigten zu artikulieren.

Die Korrekturfachlehrer hoffen darauf, wegen ihrer besonderen Belastung mit hunderten Klausuren künftig etwas weniger unterrichten zu müssen. In Österreich, Hamburg, ansatzweise auch in Bayern werden sie etwas besser gestellt. Sehen Sie hier einen Weg?

Wenn man die Belastungen der Kolleginnen und Kollegen wirklich reduzieren will, oder anders und genauer gesagt: Wenn man ihre Kräfte effektiver als bisher einsetzen will, muss man neue Wege gehen. Nach meinen Erfahrungen stehen zum Beispiel Korrekturaufwand und Korrekturertrag in keinem vernünftigen Verhältnis. Die Schüler interessieren sich für die Note und für sonst kaum etwas. Die deutschen Universitäten und Fachhochschulen kommen ohne Korrekturen aus, Länder wie die USA ebenfalls. Warum soll es nicht bei uns funktionieren, dass Klassenarbeiten – eventuell gestuft erst ab der neunten Klasse – als Lernstandsfeststellungen begriffen werden und den Schülern lediglich das Ergebnis mitgeteilt wird.

Aber Schüler können doch nicht aus ihren Fehlern lernen, wenn sie keine ausführlichen Korrekturen vorfinden.

Doch, können Sie. Ich würde eine qualitative Fehleranalyse durch die Lehrkraft verbindlich machen, aber als Ausgangsbasis für den Unterricht, und ich würde die gewonnene Zeit in mehr Übungen investieren wollen. Damit wäre nebenbei auch die leidige Diskussion um die unterschiedliche Belastung in den einzelnen Fächern beendet, wobei man in jedem Fach viel oder wenig arbeiten kann. Ein anderes Beispiel: Wenn man wie in Frankreich Lehrkräfte auf ihre eigentliche Tätigkeit konzentrieren und damit Zeit auf den Unterricht lenken wollte, wäre die Einstellung von Verwaltungshilfskräften, Laborwarten und Bibliothekaren das entscheidende Stichwort.

Können Sie beschreiben, wie sich die Stimmung im Lehrerzimmer in den vergangenen zehn oder 20 Jahren verändert hat?

Man neigt zur Verklärung beim Blick nach rückwärts. In den 90er Jahren waren wir nach dem Fall der Mauer voller Enthusiasmus mit der Angleichung zweier höchst unterschiedlicher Bildungssysteme beschäftigt, eine fast vergessene Kraftanstrengung. Wir hatten deutlich weniger Pflichtstunden, was mehr Gelassenheit bei der Reaktion auf zusätzliche Belastungen zur Folge hatte. Die Stimmung war intensiver in den Kollegien, wohl weil wir mehr mit und in der Schule gelebt haben als heute, aber es war vieles rückblickend auch einfacher.

Das Gespräch führte S. Vieth-Entus.

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