Werbinich : Abenteuer 17. Juni 1953

UnserLeserManfredUhl hat den Aufstand in der DDR als Sechsklässler erlebt

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Der Alltag in meiner Schule in der Nähe von Dresden wurde immer wieder vom Kampf gegen den kapitalistischen Westen dominiert, in den wir Schüler von Kindesbeinen an eingebunden waren. Manchmal nahm das durchaus kuriose Züge an. 1949 zum Beispiel. Da hieß es eines Tages: Heute fällt die Schule aus, es wird Jagd auf Kartoffelkäfer gemacht. Also trieben wir Neunjährige uns auf den Feldern der Umgebung herum und versuchten vergeblich, Insekten in die Finger zu bekommen. Unsere Lehrer klärten uns am folgenden Tag auf: „Wir müssen weiter wachsam sein, weil die bösen Kriegstreiber aus dem Westen mit dem Abwurf der Käfer aus Flugzeugen unsere Wirtschaft sabotieren wollen.“

Immer am 1. Mai mussten wir mit den Erwachsenen zur großen Demonstration gehen. Im Jahr 1951 trug ich ein Plakat mit der Aufschrift „Für ein einheitliches und friedliebendes Deutschland“. Was das bedeuten sollte, verstand ich nicht. Klar, auch als Elfjähriger kriegte ich mit, dass immer wieder Klassenkameraden mit ihren Eltern in den Westen abgehauen sind, auch fehlten immer wieder von einem Tag auf den anderen Lehrer. Aber warum und wieso, das habe ich damals noch nicht verstanden, nur, dass man es irgendwie nicht tun sollte.

Die Junitage 1953 erlebte ich als Sechstklässler. Das war für mich und meine Clique von sechs Jungs eine spannende Sache. Endlich passierte mal was, durch Freital rollten russische Panzer. Mehr als drei Personen durften nicht auf der Straße zusammen stehen, sonst wurde unterstellt, man wolle sich zusammenrotten, was mit Arrest bestraft wurde. Der Sinn des Ganzen war uns nicht bewusst. Da wir keine Berührungsängste mit den Soldaten der Roten Armee hatten, gingen wir auf sie zu und radebrechten mit unseren gerade erworbenen Russisch-Vokabeln mehr schlecht als recht. Schließlich gaben uns die Soldaten ein paar alte Abzeichen. Die nächsten Tage hatten wir schulfrei. Dann erklärten uns die Lehrer, dass soeben der Frieden gerettet worden sei und wir den Sowjetsoldaten zu ewigem Dank verpflichtet seien. Die DDR jedenfalls war gerettet, und wir horteten die Abzeichen wie einen Schatz.

Aufgezeichnet von Claudia Keller.

Manfred Uhl ist 63 Jahre alt und war jahrelang Lehrer. Von 1968 bis 1985 unterrichtete er an Oberschulen der DDR, dann stellte er einen Ausreiseantrag. 1988 setzte er seine Tätigkeit in West-Berlin fort.

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