Werbinich : Abteilungsleiter Exotik

Wie ist es, in der Manege aufzuwachsen? Pietro Bento vom Zirkus Krone räumt mit zehn Klischees auf

Ariane Bemmer

Zirkusleute sind ja so romantisch. Sie tragen goldene Ohrringe und tanzen zu Gitarrenmusik ums Lagerfeuer. Die jungen Männer haben dicke Muskeln und Tätowierungen aus fremden Ländern, sie tragen exotische Kleider, stecken ihre Köpfe in Löwenmäuler und sprechen mit Akzent. Zirkusleute kommen von überall und nirgendwo her. Sie können sich nichts anderes vorstellen, als immerzu im Zirkus zu bleiben. Sie sind hart im Nehmen und manchmal auch im Austeilen. Sie ohrfeigen Kinder, peitschen Tiere oder verlassen bei Nacht und Nebel die Stadt, in der manche brave Bürgerin mit gebrochenem Herzen zurückbleibt. Oder etwa nicht?

Pietro Bento ist 25 Jahre alt, und seit 25 Jahren ist er auch beim Zirkus Krone. Pietros Vater war „Abteilungsleiter Exoten“, inzwischen hat der Sohn den Job. Er bekommt ein regelmäßiges Gehalt, zahlt Steuern und verdient nicht viel. „Fürs Geld arbeitet hier keiner“, sagt er. Die Exoten, das sind die kasachischen Kamele, die gestreiften Zebras, die flauschigen Lamas.

Klischee 1: Feuriger Blick

Pietro ist klein und drahtig. Goldene Ohrringe hat er nicht, er trägt eine Brille. Und eine dunkle Mütze. Auf den linken Oberarm hat er einen Tiger tätowieren lassen. Pietros Arm ist muskulös. Von der täglichen Arbeit, sagt er. Im Fitnessstudio war er noch nie.

Klischee 2: „Harrrreinspaziert!“

Pietros Vater ist aus Italien, die Mutter aus Österreich. Die Großeltern stammen aus Portugal. Pietro ist in Flensburg zur Welt gekommen. Er spricht Englisch, Italienisch und Deutsch – alle drei Sprachen. Ohne Akzent.

Klischee 3: Die harte Hand

Als kleines Kind sei es in der Zirkuswelt furchtbar gewesen, sagt Pietro. Für jede Dummheit, die er gemacht hat, gab es mindestens drei Ohrfeigen. Alle Erwachsenen haben sich allen Kindern gegenüber verantwortlich und deshalb auch erziehungsberechtigt gefühlt. Umgekehrt, sagt er, gebe es aber kein Kind, das sich vernachlässigt fühlen muss. Er jedenfalls habe immer jemanden gefunden, der Zeit für ihn hatte.

Klischee 4: Vorsicht, böser Onkel

Eine goldene Regel beim Zirkus Krone lautet: Bevor der Mensch isst, sind alle Tiere satt. Das heißt für die Tierpfleger und Stallmeister: früh raus und waschen, füttern, pflegen. Neulich hat sich Lamababy Sancho sein Vorderbein verstaucht. „Solche Kleinigkeiten machen wir selbst“, hat Pietro gesagt und dem Lama einen Stützverband mit Watte und lila Kreppband ums Bein gewickelt. Das Lamababy wusste zuerst gar nicht, was es mit seinem lila Wattebein machen soll und hat unglücklich ausgesehen. Pietro hat ihm den kleinen Kopf getätschelt und dann die Kamele und Zebras mit Möhren gefüttert. Pietro liebt Zebras. Er trinkt Kaffee aus einer Tasse mit Zebramuster und sein Lieblingsfoto zeigt ihn, wie er auf dem Rücken eines liegenden Zebras steht. Normale Menschen können auf Zebras nicht mal sitzen.

Klischee 5: Mieser Tierquäler!

In Pietros Wohnwagen haben natürlich auch Decken und Kissen Zebramuster. Streifenfrei sind Musikanlage, Fernseher und DVD-Player und die Mikrowelle. Was es in Pietros Wagen (er fährt ihn selbst) nicht gibt, sind Dusche und Toilette. Er benutzt die großen Sanitäranlagen in den Extrawagen (es gibt auch einen voller Waschmaschinen). Pietro findet den Vorwurf, im Zirkus würden die Tiere gequält, ganz unerträglich. Er sagt, die so etwas sagen, hätten keine Ahnung. Die würden sich nicht so auskennen mit Tieren wie zum Beispiel er. Schließlich habe er doch Tag für Tag mit denen zu tun.

Klischee 6: Ein Kopf steckt im Löwenmaul

Vor vier Jahren in München hat Pietro sich mit Michael Jackson unterhalten. Unterhalten? Ja! Jackson besuchte eine Vorstellung, und Pietro war als Wachmann eingeteilt, um dafür zu sorgen, dass die Zirkusleute, die den Besuch gesichert haben, den damaligen King of Pop nicht um Autogramme angehen. Mit einem Kind aus dem Publikum wollte Jackson doch ein Foto machen lassen. Pietro sollte knipsen. Er bekam eine Kamera in die Hand gedrückt, aber die funktionierte nicht.

Jackson: Shoot the picture!

Pietro: It isn’t working.

Jackson: Then fix it!

Klischee 7: Der Zirkus ist eine Welt

Wenn der Zirkus Krone unterwegs ist, rollt eine ganze Stadt über die Straßen. 300 Wohn-, Pack- und Gerätewagen, eine Zirkusschule, in der die Zirkuskinder unterrichtet werden, ein Zirkusrestaurant, eine Mannschaftsküche, eine Feuerwehr, Büros und Werkstätten. Da ist genug zu tun und da sind auch genug Leute, um sich nicht zu langweilen. Aber wenn sie in den neuen Städten ihre Zelte aufgebaut haben, dann wollen die Zirkusleute auch sehen, wo sie gerade sind. In Berlin waren die Nächte ziemlich lang. Pietro und die anderen jungen Leute waren im Watergate, im Sternradio und in der Maria am Ostbahnhof. Wenn die Zirkuskinder tanzen gehen, telefoniert das Management vorher mit der Disco und kündigt das an. „Sonst kämen wir da nie rein“, sagt Pietro. „Wir sind ja in einer großen Gruppe unterwegs.“

Draußen in der Nicht-Zirkuswelt lebt auch Pietros Freundin. In München. Mit der ist er fast zwei Jahre zusammen. Wenn die Tournee jetzt im November zu Ende geht, werden sie sich drei, vier Monate ganz oft sehen. „Man merkt dann irgendwann schon, was einen an dem anderen stört“, sagt Pietro. Aber bevor es zu ernsthaftem Streit kommt, ist schon wieder Frühjahr und er muss wieder los.

Klischee 8: Zirkusluft macht dumm

Vor dem Exotenzelt steht Pietro in der Sonne und rechnet vor, wie viele Tonnen Zugkraft die einzelnen Spannseile haben müssen, damit das Dach hält. Physik im Alltag. Er sagt, er habe auf den Zirkustourneen schon so viele Orte gesehen und noch mehr Museen, dass er oft das Gefühl hat, viel mehr zu wissen als Gleichaltrige. „Die müssen auswendig lernen, wo der Limes war“, sagt er. „Ich war da schon.“

Klischee 9: Alle sind gleich

Es gebe einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen Zirkus- und Nicht-Zirkusleuten: „Zirkusleute sind härter“, sagt Pietro. Die schonen sich nicht. Man müsse schon tot unterm Wagen liegen, sagt Pietro, um nicht bei der Arbeit zu erscheinen. Das habe er von Nicht-Zirkusleuten schon deutlich anders gehört.

Klischee 10: Zirkusleute sind traurig

Pietro freut sich auf die ruhige Zeit im Winter. Endlich mal kein Zelt auf- oder abbauen. Aber er weiß auch, dass er nach zwei Monaten unruhig wird. Dann will er wieder los. Pietro sagt, dass er häufiger glücklich sei als unglücklich. Solange das so ist, will er beim Zirkus bleiben.

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