Werbinich : Achterbahn

Karussells, Zuckerwatte und schiefe Blicke: Von der Unmöglichkeit, normal behandelt zu werden

Viktoria Hirsch

Deutsch-Olympiade: Regionalfinale

Was um Himmels willen ist ein Gabelschlag? Das weiß kein Mensch, denn es gibt ihn nicht. Doch beim Regionalfinale der Deutsch-Olympiade gab das Team eines Greifswalder Gymnasiums eine einleuchtende Erklärung: Ein Gabelschlag ist eine Ehrung, den ein Koch für herausragende Leistungen erhält, eine Art kulinarischer Ritterschlag. Dafür erhielten die Greifswalder viele Jury-Punkte in der Disziplin „Erklären“ – eine von fünf Disziplinen bei dem neuen bundesweiten Wettbewerb der Initiative Deutsche Sprache. 3500 Neuntklässler haben sich an der ersten Deutsch-Olympiade, die sich in der Pilotphase befindet, beteiligt. Auch bei den anderen Disziplinen – Reimen, Umschreiben, Erzählen, Darstellen – kommt es auf Kreativität im Umgang mit Sprache an. Beim Regionalfinale am Donnerstag in der Friedenauer Friedrich-Bergius-Realschule setzten sich das Potsdamer Humboldt-Gymnasium und die Moabiter Heinrich-von-Stephan- Schule durch. Bundesfinale am 20. Mai. D.N.

Eltern für Schulinspektionen gesucht

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Seit einem Jahr sind in Berlin Schulinspektionen an der Tagesordnung, bei denen die Schulen von einem Team bestehend aus einem Schulrat, einem Schulleiter, einer Lehrkraft und einem Elternvertreter besucht und bewertet werden. Für das Schuljahr 2007/08 sucht der Landeselternausschuss wieder Freiwillige, die sich ehrenamtlich als Schulinspektoren engagieren möchten. Interessierte Eltern können sich online bewerben unter www.landeselternausschuss.de. mho

Berlin Cosmopolitan School startet

Am ersten September soll es losgehen: Die Cosmopolitan Scholl startet in der Linienstraße in Mitte mit einer ersten und zweiten Klasse und einer kombinierten dritten und vierten Klasse. Seit 2005 gibt es die Metropolitan Kita und Vorschule, wo sie bereits in englischer Sprache unterrichtet werden. Dies setzt sich ab Herbst in der ersten Klasse fort. Tsp

Vortrag zu Leistungsstörungen

Heute, 19.30 Uhr, lädt das Vivantes-Klinikum Friedrichshain (Landsberger Allee 49, Hörsaal Haus 8) zum Vortrag über das Thema „Teilleistungsstörungen aus sozialpädiatrischer Sicht“. Eine Expertin vom Diagnose- und Behandlungszentrum Neukölln referiert über Legasthenie und Rechenschwäche. Tsp

PHORMS-Schule informiert

Zum kommenden Schuljahr bietet die Phorms Schule in Mitte für einen Jungen und ein Mädchen ein Stipendium an. Für die Gewinner ist die Finanzierung der Schulgebühren bis zum Abitur gesichert. Interessenten können sich bis 23. Mai bewerben. Über die neue gymnasiale Oberstufe informiert die Schule heute und am 9. Mai um 18 Uhr, Ackerstr. 76 (Tel. 467986302, www.phorms.de). gar

Nur einmal treffen, denke ich. Ich habe zwei Bälle übrig und auf dem hellbraunen Brett aus Eichenholz stehen noch immer die sechs Blechdosen übereinander, die nicht einmal durch meinen ersten Wurf erschüttert worden sind. Ich werfe noch einmal; wieder daneben. Jetzt der Dritte; der ging unter das Brett. Ich bin einfach untalentiert! Ich kann gar nichts – aber das bin ich gewohnt.

Sie sehen mich alle an.

Das interessiert mich nicht; schon lange interessiert mich das nicht mehr, denn auch das bin ich gewohnt.

In meiner Nase herrscht der bissig süße Geruch der Zuckerwatte vom Stand nebenan. Ich habe das Verlangen danach, alle Jahre wieder eine Stange Zuckerwatte; davon träume ich im Frühling, Sommer und Herbst.

Um meinen Hals habe ich ein Lebkuchenherz hängen. „Ich habe dich lieb“, steht auf dem süßen braunen Untergrund. Wie ich mich darüber gefreut habe! Der ganze Berliner Weihnachtsmarkt hat mit mir gelacht. Ich weiß, dass sie über mich gelacht haben, aber ich mache mir nichts daraus; ich mache mir schon lange nichts daraus. Einfach nichts daraus machen, sage ich mir immer.

Ich sehe einen Schatten auf mich zukommen, einen freundlich warmen Schatten. Endlich komme ich an meine Zuckerwatte. Leider gelangt nicht viel in meinen Mund; es ist alles auf mir und dem Boden verteilt. Ich beobachte abwesend die weißen Schneeflocken, die zart den Boden benetzen und mit der Zeit die Zuckerwatte bedecken. Wieder schauen mich die Besucher an, auch die dicke Frau am Stand, die wild ihren Kaugummi kaut und einem Wiederkäuer ähnelt, sieht mich verachtend an.

Ich fühle mich unwohl.

Rote und grüne Lichter leuchten hinter mir, das Karussell singt ein lustiges Lied.

Ich freue mich! Es ist kalt.

Schon seit einer Woche scheint die Sonne nicht mehr, es ist bewölkt und dunkel; es wirkt wie ein einziger Nachtzustand. Nur der weiße Schnee gibt dem schwarzen Bild einen hellen Fleck. Ich möchte zum Karussell, zum Licht, doch finde ich den Schatten nicht. Ich sehe mich um, drehe meinen Kopf vorsichtig und zaghaft von links nach rechts. Kleine Kinder zeigen mit dem Finger auf mich, und sie lachen schamlos, stolpern über ihre eigenen schnellen Füße.

Ich beneide sie!

Die Eltern und Großeltern richten nicht über das Verhalten ihrer Sprösslinge, sie lachen hinter vorgehaltener Hand und denken, ich würde es nicht bemerken. Ich grinse leicht, da ich mir daraus schon lange nichts mehr mache.

Noch immer möchte ich zum Karussell. Wo ist der Schatten? Ich rufe nach ihm und erschrecke gleichzeitig, Tränen rollen über meine Wangen. Der Schatten stand die ganze Zeit hinter mir, und ich habe es nicht bemerkt.

Ich will zum Karussell!

Es dauert fünf Minuten, ehe der Schatten mich verstanden hat, doch dann komme ich zum Karussell. Die roten und grünen Lichter werden greller, Lachen und der sanfte Wind der winkenden Hände liegen in der Luft. Ich nähere mich, sie sehen mich an. Alle im Karussell warten nur auf mich. Ich setze mich neben ein dunkelhaariges Mädchen, sie starrt mich an, als sei ich ein Monster, sie beginnt zu schreien. Eine junge Frau kommt schnell auf sie zu. Sie ist hübsch, ein Erlebnis, sie zu sehen. Ihre Tochter schreit lauter und wurde schon im gleichen Augenblick in einen anderen Wagen gesetzt. Schön! Ich bin allein; ich bin immer allein, doch mache ich mir schon lange nichts mehr daraus.

Es dreht sich, schneller, ich freue mich! Ich drehe mich, die Umwelt ändert sich, ich sehe. Ich sehe. Ich sehe sie. Ich schreie. Jede Drehung lässt mich sie erneut sehen. Ich schreie lauter. Sie blinkt; hoch, groß und massig. Ich schreie unaufhörlich. Das Karussell stoppt. Ich weine; warme Tränen benetzen meine Lippen. Ich spüre sie wie heißen Kakao in den Magen laufen. Ich versuche auszusteigen. Es gelingt mir nicht. Wie denn auch? Sie ist schuld daran, dass mir alles egal ist und ich mir aus nicht mehr etwas mache.

Ich will zu ihr, denke ich.

Ich will jetzt dorthin.

Der Schatten will mich beruhigen, ich schreie wieder. Sie blinkt direkt vor mir, das grelle Licht wie damals; damals vor siebzehn Jahren und jedes weitere Jahr stehe ich davor und sehe sie an. Und jedes Mal wieder dieses unbehagliche Gefühl in der Magengegend und ein merkwürdiges Stechen im Herzen. Meine Lunge schnürt sich zu, wagt kaum, mich atmen zu lassen.

Ich höre meinen festen Herzschlag in bekannten Intervallen. Kindergeschrei tönt in meinen Ohren; so habe ich auch geschrien – nur noch lauter – als ich aus der Achterbahn gefallen bin in zehn Meter Tiefe.

Ich sah weiter das Blinken der Lichter, daraus jedoch mache ich mir jetzt nichts mehr. Dann kam mein Schatten und schob mich auf meinem Rollstuhl in Richtung Ausgang – wie jedes Jahr.

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