Werbinich : Allein unter Fremden

Unsere Leserin Christa Bachmann weiß, wie es ist, wenn man zu einer Minderheit gehört

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Meine Geschichte spielt im Juni 1945 in Beuthen. Beuthen liegt in Schlesien. Unsere Schule wurde bis 1942 von Ordensschwestern geleitet, Ende Mai 1945 wurde sie als staatliches polnisches Lyzeum wieder eröffnet, denn inzwischen gehörte Schlesien zu Polen. Nicht alle Einwohner Schlesiens sind am Ende des Krieges geflüchtet.

Meine Freundin und ihre Eltern und meine Familie sind geblieben. So gingen wir auch wieder in die Schule – ohne ein Wort polnisch zu können. Wir saßen nun in einer Klasse mit Mitschülern, die uns nicht verstanden und wir sie auch nicht. Die meisten von ihnen kamen aus Kiew. Sie waren ukrainische Polen.

Ich saß direkt am Fenster. Eines Tages wurde eine Gruppe gefangener deutscher Soldaten mit ihren Bewachern vorbeigeführt. Sie sahen so elend aus, dass ich in Tränen ausbrach. Ich konnte mich gar nicht mehr beruhigen.

Da stieg unsere polnische Lehrerin vom Katheder zu mir herab, nahm mich in den Arm und sagte in gebrochenem Deutsch: „Sei nicht traurig, bald wird alles besser und alle Soldaten können nach Hause. Bald ist Frieden unter den Menschen.“

Wir hatten aber auch einen polnischen Lehrer, der uns nie drangenommen hat. Er hat dann immer nur gesagt: „Ihr könnt sowieso kein Polnisch, ihr seid Deutsche.“ Andere hatten Verständnis für unsere mangelnden Polnischkenntnisse und sagten: „Woher sollt ihr das auch können?“

Nach einem Jahr konnte ich dann zwar Polnisch, aber meine Freundin und ich wollten trotzdem unter Deutschen leben. 1948, da waren wir 17 Jahren alt, haben wir unsere Rucksäcke gepackt und sind bis nach Berlin gelaufen.

Da war natürlich auch ein bisschen Abenteuerlust dabei. Angst hatten wir keine, aber unsere Mütter. Die haben ganz schrecklich geweint. Meine Eltern sind mit meinem 1946 geborenen Bruder dageblieben und erst 1958 in den Westen ausgereist. Meine Freundin hatte eine Bekannte in Wilmersdorf. Das war unsere erste Station. Später habe ich dann in Berlin noch viele andere aus Beuthen kennen gelernt, auch meinen späteren Mann.

Die Worte der Lehrerin, die mich in den Arm genommen hat, als die deutschen Soldaten an unserer Schule vorbeigeführt wurden, haben mich ein Leben lang begleitet.

Aufgezeichnet von Claudia Keller.

Christa Bachmann ist 70 Jahre alt. Sie hat als Religionslehrerin in Lankwitz gearbeitet. Polnisch kann sie immer noch ein bisschen. Alte Schulfotos hat sie keine. Sie passten nicht in den Rucksack, mit dem sie aus Beuthen weggegangen ist.

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