Werbinich : Als „Abholen“ eine schlimme Drohung war Leserin Lisa Wieslers Rektor war Nazi

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Ich war 1940 zwar nur wenige Wochen in der Volksschule in FreiburgLittenweiler, aber zwei Erlebnisse haben gereicht, um mir nachhaltig Angst einzujagen: Der Rektor verprügelte einen Jungen, weil dieser auf die Frage, wer auf dem Bild über dem Lehrerpult zu sehen sei, geantwortet hatte: „Das ist der Hitler“. Korrekt wäre gewesen: „Das ist unser Führer Adolf Hitler“.

Der andere Schock: Schüler, die in einem Test mangelhaft abgeschnitten hatten, wurden als Grüppchen vor die Klasse gestellt – mit der Ankündigung, dass sie am nächsten Tag „abgeholt“ würden. Ich ahnte, dass das etwas Furchtbares bedeutet. Von dem, was sich meine Eltern erzählten, blieb bei mir hängen, dass Hitler böse ist und mit den Menschen, die er abholen lässt, Schlimmes macht. Meine Eltern hatten jüdische Freunde, waren politisch engagiert und standen den Sozialdemokraten nahe. Mein Vater saß deswegen in Haft, was sich im Ort herumgesprochen hatte. Da der Rektor aus der Schule eine nationalsozialistische Vorzeigeschule machen wollte, legte er meiner Mutter nach kurzer Zeit nahe, mich an eine andere Schule zu geben. Den Rest der Grundschulzeit verbrachte ich in einer Zwergschule in einem Dorf außerhalb von Freiburg.

Dort waren wir zu zehnt in den Klassen 1 bis 4 und wurden alle zusammen unterrichtet. Der neue Rektor war gleichzeitig unser einziger Lehrer. Er war ein guter Katholik, zu Beginn des Unterrichts wurde gebetet. Später mussten wir zwar, anstatt zu beten, auch hier den Hitlergruß machen, aber ansonsten verschonte uns der Lehrer mit nationalsozialistischen Parolen. In Ruhe lernte ich lesen, schreiben, die Grundrechenarten und das kleine Einmaleins.

In der Oberrealschule für Mädchen lernten wir in Frontalunterricht allerhand: französische Grammatik, Geometrie, Algebra, chemische Formeln. Ich fand alles interessant, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob ich es einmal würde brauchen können. Geschichte hörte bei Bismarck auf, Politik kam nicht vor. Als die französische Verwaltung eine „Weltkunde“ mit Texten von Voltaire bis Sartre zur Verfügung stellte, wurde sie zwar verteilt, aber im Unterricht ignoriert. Wichtiger als die Lehrer und der Unterricht waren ohnehin die Freundinnen und die Freizeit, die Freiheit bedeutete. Trotzdem ist aus uns etwas geworden. Wir haben richtige Berufe gelernt und als Steuerberaterinnen, Ärztinnen oder medizinisch-technische Assistentinnen gearbeitet. Ich bin Anwältin geworden.

Aufgezeichnet von Claudia Keller. Lisa Wiesler ist 72 Jahre alt und lebt in Berlin.

Lisa Wiesler hatte Angst, weil der Schulrektor schlechten Schülern drohte, dass sie „abgeholt werden“. Das war 1940. Sie wusste, dass Abholen Schlimmes bedeutet.

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