Werbinich : Als die Katze schnurren lernte

Bischof Wolfgang Huber hat in der Schule nicht nur auf der Bühne Theater gespielt

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Schule hat für mich viel mit Theater zu tun. Schon zu den prägenden Erlebnissen meines ersten Schuljahrs gehören Theaterszenen. Das erste Schuljahr verbrachte ich in einer einklassigen Dorfschule. Das erste bis dritte Schuljahr wurden am Vormittag unterrichtet, der Rest am Nachmittag, alle vom selben Lehrer. Er hatte trotzdem noch Zeit und Kraft, alle acht Klassen in einer großen weihnachtlichen Theateraufführung zusammenzuführen. Mir ist noch dunkel in Erinnerung, dass sogar Gott selbst in dieser Aufführung auftrat — wie man sich das damals vorstellte, als alter Mann mit Rauschebart. Ich spielte eine Katze. Von Kopf bis Fuß war ich in ein Katzenkostüm gehüllt. Bis dahin hatte ich unter dem Druck der Kriegs und Nachkriegsjahre nur erlebt, dass es an allem fehlte. Und nun dies: ein ganzes Katzenkostüm.

Das Theaterspielen hat mich in meiner Schulzeit nicht verlassen. Ein besonderer Höhepunkt war es, dass wir uns als Gymnasiasten dazu entschlossen, ein Stück von Molière in französischer Sprache aufzuführen. Die Komödie über den „Arzt wider Willen“ sah einen jugendlichen Liebhaber vor. Diese Rolle wurde mir zugedacht. Dieses Theaterstück war für uns zugleich die erste kollektive Erfahrung im Geldverdienen. Der Erlös von den Eintrittskarten des mehrmals aufgeführten Stücks verhalf uns zu einer Klassenreise nach Speyer, Trier, Worms und Köln. Mit unserem radebrechenden Französisch durften wir sogar im Radio auftreten. Ich gebe es zu: Manchmal habe ich auch Theater gespielt, ohne dass es vom Unterrichtsgeschehen vorgesehen war.

Die verschmierten Hände, weil die Kette am Fahrrad abgesprungen war und sich einfach nicht mehr rechtzeitig an ihren Platz zurückbefördern ließ: Auch sie gehören zu meinen Schulerinnerungen. Aber ebenso gehört zu ihnen, dass in der Schule Begeisterung aufkommen kann. Zum Beispiel fürs Theater. Aber auch für die Frage nach Gott. Denn in der Schule begegneten wir auch den großen Fragen von Glauben und Religion. Ich jedenfalls kann bestätigen, dass ich nicht nur für die Schule, sondern für mein Leben gelernt habe. Und nicht nur Theater.

Der Autor ist Bischof von Berlin und Brandenburg und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands

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