Werbinich : Als die Schule die Hölle war

Felix kommt jetzt in die vierte Klasse. Er fällt nicht weiter auf. Das war nicht immer so. In der ersten Klasse störte er oft, flog dauernd raus. Erst durch die Betreuung in einer Tagesgruppe fand er zurück in die Normalität

Ariane Bemmer

An der Hand seiner Mutter bog Felix im Sommer 2002 in die Reglinstraße ein. Er hatte eine Schultüte und viele Erwartungen und was dann begann, war die Hölle.

Die Reglinstraße ist eine kleine Straße in Schöneberg, es gibt viel Grün hier und mittendrin die Lindenhof-Grundschule. Sie ist klein, fast niedlich, um die 300 Kinder lernen hier. Aber bei Felix hat es nicht geklappt. Er konnte nicht folgen, nicht lernen, nicht begreifen, er hat gestört, wurde zum Kinderpsychologen gebracht, der ihm Medikamente verschrieb, damit endlich Ruhe ist, aber dann bekam er nachmittags, wenn die Wirkung nachließ, Wutanfälle, so gewaltig, dass die Mutter den Sohn nicht wiedererkannte.

Vera Götting steht auf und holt ein Foto. Gegen die Sonne hat sie rote Laken vor die Fenster gehängt, alles sieht rosa aus im Wohnzimmer, und es stapelt sich viel. Vera Götting geht wieder voll arbeiten, da bleibt anderes liegen. Das Bild zeigt einen hübschen Jungen mit einem schmalen Gesicht und mandelförmigen Augen, die brauen Haare stehen strubbelig vom Kopf ab. Die Mutter guckt das Foto an und sieht dabei stolz aus. Der Junge lächelt. Inzwischen geht das wieder. Er hat das dem Tali zu verdanken.

Tali. Sie sagen „das Tali“. Dabei sind die vier Buchstaben eine Abkürzung für die „Tagesgruppe Lichtenrade“. Das Tali ist eine Art Rettungsanker für Kinder, die wegen Verhaltensauffälligkeiten als unbeschulbar gelten. Die Tagesgruppen verteilen sich auf zwei Häuser im lauschigen Teil Lichtenrades, da, wo Berlin als Stadt gar nicht mehr erkennbar ist. Wo alte Gutshäuser an Kopfsteinpflasterstraßen stehen und das Zwitschern der Vögel das beständigste Geräusch des Tages ist. In Kleinstgruppen wird den Kindern beigebracht, wie Schule funktioniert, wie man lernt, wie man Hausaufgaben macht, andere ausreden lässt und sich um seine Hefte kümmert. Ohne Leistungsdruck, mit ganz viel Sport, ganz viel Lob, ganz viel Zuwendung. Die Kinder sollen ihr Selbstvertrauen aufbauen, denn das ist es, was ihnen nach ihren desaströsen Schulerfahrungen am meisten fehlt. Maximal zwei Jahre können die Kinder im Tali bleiben, schon im zweiten Jahr werden sie schrittweise wieder in normale Schulen zurückgeführt. Und das klappt. Seit es das Tagesgruppen-Angebot gibt, hat das Tali 44 Kinder betreut. 16 sind noch im Projekt, zwei haben abgebrochen, sechs wurden an andere Einrichtungen weitervermittelt und 20 bereits erfolgreich re-integriert. Darunter Felix. Wenn nächste Woche die Schule beginnt, geht er wieder in die Lindenhof-Schule, vierte Klasse. Das hat er so gewollt. Er hätte auch an eine andere Schule gekonnt. Die Mutter sagt, dass die Lehrer ihn jetzt mögen. Einer habe gesagt: Wenn ich die Akte nicht kennen würde, käme ich nicht drauf, was Felix hinter sich hat.

Das Projekt wird je zur Hälfte vom Schul- und Jugendamt des Bezirks Tempelhof-Schöneberg bezahlt. Das eine kommt für die beiden Lehrer auf, die stundenweise die Tali-Kinder unterrichten. Das andere finanziert die Unterbringung in den zwei Standorten.

Außer dem Haus am Dorfteich hat die Tali-Gruppe eine renovierte alte Feuerwache, ein Haus, das so romantisch aussieht, dass es auch ein Ferientraumhaus sein könnte. Eine schmale steile Holztreppe windet sich hoch in den alten Wachturm, alles ist bunt bemalt, es gibt nur wenig Türen, es muss Rücksicht genommen werden. Ganz oben ist der Schulraum. Winzig, mit einer kleinen Tafel und Tischen, die in Hufeisenform stehen. Das Haus wird geleitet von Tamara Schönnebeck. Die Mittvierzigerin hat ein offenes Gesicht und kurze blonde Haare, sie trägt einen quer gestreiften Pullover und lacht bloß, als sie beim Griff nach der Milchdose den Kaffeebecher umwirft. Sie spricht von der Not der Kinder, und dass man herausfinden müsse, was dahinter stecke. Kinder, die im Tali ankommen, sagt sie, tragen „ein Päckchen von negativer Schulerfahrung“. Sie redet von Beziehungsangeboten, davon, wie sehr Kinder und Eltern genießen, dass im Tali ein bisschen Unterricht klappt – auch wenn alle wüssten, dass das keine normale Schule sei. Viele Kinder, die im Tali sind, kommen aus Familien, die Probleme haben. Wo es Trennungen gibt oder Drogen oder andere Sachen, die Menschen aus der Bahn werfen können.

Vielleicht war es bei Felix die Trennung der Eltern. Vielleicht auch nicht. Er war schon als Kind sehr unruhig, saß nie still. In der Vorschule, als Disziplin eingefordert wurde, gab es erste Probleme. In der Schule dann eskalierte alles sehr schnell. Nahezu täglich kamen Anrufe der Lehrer: Holen Sie Ihren Sohn ab.

Vera Götting ist zwar schmal, macht aber eine zähen Eindruck. Keine, die aufgibt. Aber als die Monate vergingen und es zwischen ihr und ihrem Sohn jeden Tag ein bisschen furchtbarer wurde, hat sie ihn in eine psychiatrische Klinik gebracht. Von sich aus. Vielleicht können die uns ja helfen, dachte sie. Denn sie selber war am Ende. Sie erzählt von einem Nachmittag. Ihr Sohn war lieb, nicht aggressiv. Er kam zu ihr und nahm sie in den Arm. Sie sagt, sie sei wie erstarrt gewesen. Sie habe die Umarmung nicht erwidern können. Sie nennt das eine „unvorstellbare Situation“. Die Schule sei ihr in der schwierigen Zeit keine Hilfe gewesen. Ob sie dem Jungen auch ordentlich zu essen gebe, habe die Lehrerin sich erkundigt und ansonsten gefunden, Felix solle sich eben benehmen. Irgendwann zwischendurch hat die Mutter auch überlegt, den Sohn in ein Heim zu bringen.

Als man ihr von dem Tali-Projekt erzählt hat, glaubt sie schon nicht mehr, dass es noch eine Lösung geben könnte. Zu verstrickt war sie längst in das Desaster. Mein Sohn und ich gegen den Rest der Welt. Das war ihr Horizont. Und so haben die Pädagogen auch ihr geholfen. Als Felix’ Selbstvertrauen wieder wuchs, musste auch die Mutter lernen, ihm zu vertrauen: Mein Sohn ist elf Jahre alt, er kann vieles ohne mich. An seiner Tür klebt ein Schild. Eintreten ohne Anklopfen verboten. Kaum lesbar wegen der vielen Rechtschreibfehler. Aber auch das werden sie bald im Griff haben. „Es gibt wieder so etwas wie Zuversicht“, sagt Vera Götting. Nach fast zwei Jahren Hölle.

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