Werbinich : Antisemitismus und offene Fragen

Susanne Vieth-Entus

Manchmal bedauert man, dass Ferien sind. So auch jetzt, nachdem bekannt wurde, dass Anfang Mai jüdische Schüler von muslimischen Altersgenossen in der S-Bahn mit antisemitischen Pöbeleien drangsaliert wurden. Weil Ferien sind, lassen sich zurzeit viele wichtige Fragen kaum beantworten: Wie kam es zu den Pöbeleien? Warum haben die jüdischen Schüler die muslimischen Schüler der Pommern-Hauptschule auf Russisch angesprochen? Wie kamen die auf die Idee, dass es sich um Juden handelte? Warum hat die Lehrerin der Pommern-Schule nicht eingegriffen und auch anschließend in ihrer Schule den Vorfall nicht gemeldet?

All diese Fragen kann nicht einmal Christiane Thöne beantworten. Sie ist Lehrerin an der Pommern-Schule und hatte sich dafür eingesetzt, dass die Schule sich an der Aktion „Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage“ beteiligt. Das Konzept von „Schule ohne Rassismus“ sieht vor, dass mindestens 70 Prozent aller Angehörigen der Schule – von den Schülern über die Lehrer bis hin zur Schulsekretärin – zuvor ihr Einverständnis zu den Zielen der Aktion erklären und eine entsprechende Erklärung unterschreiben müssen. Auch die Schüler, die an den Pöbeleien in der S-Bahn beteiligt waren, haben unterschrieben, berichtet Christiane Thöne. Sie seien stolz darauf gewesen. Das war Ende vergangenen Jahres.

Wie das alles zusammenpasst, muss jetzt nach und nach aufgeklärt werden. Auf jeden Fall werde man die Sache nicht auf sich beruhen lassen, steht für Sanem Kleff fest. Sie leitet bundesweit die Bewegung „Schule ohne Rassismus“ und hat ihr Augenmerk seit langem auf den wachsenden Antisemitismus unter muslimischen und rechten Schülern gerichtet.

„Wir werden nachbohren und uns nicht mit Lippenbekenntnissen zufrieden geben“, kündigt Kleff an, die erst gestern von den Pöbeleien in der S-Bahn erfuhr. Aber auch die Pommern-Schule will die Angelegenheit nicht unter den Teppich kehren. Der Vorfall werde aufgearbeitet, sagt Christiane Thöne. Hilfestellung gibt es zur Genüge: So veranstaltet die Friedrich-Ebert-Stiftung ein Seminar für Lehrer, bei dem die Pädagogen unter anderem lernen sollen, adäquat mit antisemitischen Äußerungen ihrer Schüler umzugehen. Aber erst mal müssen die Ferien vorbei sein.

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