Werbinich : „Auch die Römer waren Fingerzähler“

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Seit wann ist bekannt, dass „Rechenschwäche“ etwas anderes ist als nur mit Mathematik auf Kriegsfuß zu stehen?

Seit den 80er Jahren, 1993 habe ich das Zentrum für Rechenschwäche gegründet. Es war das erste in Berlin. Zuvor ging man davon aus, dass rechenschwache Kinder einfach zu dumm, zu faul oder zu unkonzentriert sind. Oft erbringen Schüler mit Rechenschwäche in nichtmathematischen Fächern durchschnittliche und überdurchschnittliche Leistungen. Es gibt auch Hochbegabte mit Rechenschwäche.

Woran können Eltern erkennen, ob ihr Kind eine Rechenschwäche hat?

Hinweise sind, wenn das Kind häufig oben/unten, hinten/vorn durcheinander bringt, schlecht mit Zeitangaben oder mit Geldbeträgen umgehen kann, Begriffe wie weniger/mehr, länger/kürzer verwechselt. Auch wenn es Zahlenreihen nur vorwärts aufsagen kann und nicht rückwärts oder beim Schreiben von Zahlen die Stellen verwechselt und 21 statt 12 schreibt. Stutzig sollte man werden, wenn ein Kind mehrere dieser Fehler macht. In der ersten Klasse fallen sie dadurch auf, dass sie stets und immer wieder von vorne zählen. Nach 7 + 8 wird 7 + 9 neu gezählt.

Was sind die Gründe für diese Schwäche?

Mathematik verlangt eine Abstraktionsleistung. Man muss sich hinter der Zahl eine abstrakte Menge vorstellen können. 10 ist nicht eine 1 und eine 0, sondern das Zehnfache der 1. Das fällt vielen Kindern schwer, auch denen ohne Rechenschwäche. Viele lernen als Kleinkinder spielerisch zu abstrahieren, manche brauchen eine Unterstützung durch die Eltern. Bekommen sie die nicht, bleiben sie auf der Stufe stehen, auf der sie alles mit den Fingern abzählen. Aber die genauen Gründe, warum die einen das schaffen und die anderen nicht, kennt man nicht. Auch die Römer waren Fingerzähler, das kann man am römischen Zahlensystem ablesen. Da wurden einfach Striche addiert. Das arabische Zahlensystem markiert eine historische Kulturleistung.

Wie viele Kinder sind davon betroffen?

Genaue Zahlen und repräsentative Untersuchungen gibt es nicht. Wir können nur aufgrund von Stichproben schätzen, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Berliner Schüler an einer Rechenschwäche leiden. Darunter sind überproportional viele Hauptschüler, aber auch sieben bis zehn Prozent der Gymnasiasten.

Rudolf Wieneke (56) leitet das Zentrum zur Therapie für Rechenschwäche in Berlin. Er ist Gymnasiallehrer und war viele Jahre in der Lehrerfortbildung tätig. Die Fragen stellte Claudia Keller.

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