Werbinich : Auf der Ausziehcouch

„Ich dachte, Sex dauert stundenlang…“ – Fünf Menschen erzählen hier von ihrem ersten Mal.

Christian[23]

Sex ist das Spektakulärste der Welt, bevor du es gemacht hast. Hinterher denkst du: In Ordnung, das könnte weiterhin Spaß machen. Und ich hatte viel Zeit, vorher über Sex nachzudenken: Mit 22, ein Jahr ist das her, habe ich das erste Mal mit einem Mädchen geschlafen. Dass ich ganz schön spät dran bin, war mir das erste Mal mit 18, vor dem Abi, bewusst. Anfangs hab ich in der Schule einfach gesagt, dass ich es noch nie getan habe. Aber nach den ersten blöden Sprüchen wie „Christians Motto: Kein Sex vor dem Abi“ hab ich nur mit meinen besten Freunden drüber gesprochen. Ich war in dieser Zeit immer unglücklich verliebt, und ein Mädchen einfach so anzumachen, für eine Nacht, das habe ich mich nicht getraut. Gleichzeitig war ich sicher, dass ich irgendwann eine Freundin habe werde. Mit 22 war ich dann in Katrin verliebt, und sie auch in mich.

Es ist in ihrem Hamburger WG-Zimmer passiert, auf der weißen Ausziehcouch, weil sie so ein Selfmade-Hochbett hatte, das superlaut war und vielleicht zusammengebrochen wäre. Ich war so aufgeregt, dass bei mir nichts mehr ging. Wir haben eine Pause gemacht, sind zum Supermarkt gegangen, haben Schnitzel und Nudeln gekauft, gekocht und gegessen. Danach hat es geklappt. Dabei lief Radiohead. Hinterher hat sie gesagt, dass wir es genau bei meinem Lieblingslied „You and whose army“ das erste Mal getan hätten. Hab ich gar nicht mitbekommen. Manchmal denke ich, es hätte früher passieren sollen. Dann wäre Sex selbstverständlicher. Ich hab schon das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Vielleicht sind wir deshalb auch nicht mehr zusammen. Ich will viel ausprobieren, jetzt.

So ganz romantisch, mit der ersten großen Liebe, mit brennenden Kerzen und auf keinen Fall bevor ich 16 bin, so habe ich mir mit 13 mein erstes Mal vorgestellt. Es ist alles ganz anders gekommen. Svenja, meine zwei Jahre ältere Freundin, nahm mich mit zu ihrer Hip-Hop-Clique. Da war André, 17 Jahre alt. Der totale Sprücheklopfer und sehr charmant. Das fand ich toll. Eines Abends waren wir alle bei ihm, es gab Bier und Alcopops, ich hab da das erste Mal richtig getrunken. Wir haben Flaschendrehen gespielt, irgendwann war ich mit ihm allein in seinem Zimmer. Nebenan hörte man die anderen quatschen. Mir war schwindelig vom Alkohol. Ich wusste nicht, was ich tun soll und hab ihn erst mal machen lassen, lag ganz still. Mir gingen meine Vorsätze durch den Kopf: nicht bevor du 16 bist, immer mit klarem Verstand. Gleichzeitig wollte ich mutig sein. Er sollte nicht denken: „Das ist ne 13-Jährige, die sich nichts traut“. Naiv verknallt, würde ich heute sagen. Ich dachte, Sex dauert stundenlang, man kuschelt viel. Unser Sex war kurz, fünfzehn Minuten. Es war nicht unangenehm, lief aber ohne Geborgenheit ab. Danach wollte er wieder zu den anderen, Bier trinken. Was für ein Idiot, dachte ich. Zum ersten Mal. Sophie, 16

Eigentlich kannte ich Elisabeth nur vom Sehen. Sie war 15, groß, blond, blaue Augen, sehr attraktiv. Ich war zwölf und hing nur mit Älteren ab. Sie wurde jeden Tag von ihrem Vater nach dem Unterricht abgeholt, feierte nie, und es schien ihr nicht wichtig zu sein, wie beliebt sie ist. Am Tag der Zeugnisvergabe sprach sie mich an: Ob ich gleich in den Musikraum komme, sie würde da auf mich warten. Ich fand das seltsam, dachte an einen Scherz meiner Freunde. Dennoch ging ich ihr nach. Der Musikraum lag im Souterrain. Er roch modrig, vor den Schülerbänken stand ein Flügel, direkt daneben war der Lehrerschreibtisch. Ich ging hinein, Elisabeth stand am Pult. „Mein Freund hat mich betrogen“, sagte sie. „Ich mochte dich immer schon. Warst du schon einmal mit einem Mädchen zusammen?“ Weil ich dachte, meine Freunde haben sich irgendwo versteckt und springen gleich lachend raus, log ich und sagte „Ja.“ Aber es war kein Scherz. Sie zog sich aus, küsste mich. Ich dachte, oje, was muss ich denn jetzt machen? Dann erinnerte ich mich an Filme. Ich machte einfach nach, was ich da gesehen hatte. Das wirkte wohl, als ob ich Ahnung hätte. Aber Elisabeth gab mir nicht den kleinsten Wink, wie man das nun macht, den eigentlichen Sex. Ich fühlte mich total überfordert, da saß dieses Mädchen nackt auf den Klaviertasten, die noch dazu irren Lärm machten, und wie geht es jetzt weiter? In meiner Erinnerung dauerte diese Szene Stunden. Der reinste Horror. Als es vorbei war, zog sie sich an und ging. Ich saß verloren vor dem Klavier. Man könnte meinen, was für eine sexy Geschichte, im Musikraum der Schule verführt zu werden. In Wirklichkeit war es nur verwirrend. Das nächste Mal Sex hatte ich drei Jahre später. Elisabeth sah ich nie wieder. Juan, 30

Es war schön, das erste Mal. Ich war 15, und hatte seit einem halben Jahr meine erste Freundin: Anna mit den roten Haaren, die nicht in den Regen kommen durften, weil sie sich dann lockten, Anna die Aufgedrehte, die beim Lachen die Hände vor dem Oberkörper tanzen ließ. Beim dritten Treffen, wir saßen auf ihrem Hochbett, fragte sie mich, ob ich schon mal mit einem Mädchen geschlafen hätte. Hatte ich nicht, sie ebenso wenig. Damals war ich der Einzige in meiner Klasse, der eine Freundin hatte, und meine beiden besten Freunde haben ständig gefragt: „Na, habt ihr schon?“ Richtig über Sex geredet haben wir aber nicht. Toll habe ich es mir vorgestellt, aber nicht bis ins kleinste Detail überlegt, wie das so ist. Als wir zwei Wochen zusammen waren, meinte mein Vater, es wäre gut, noch etwas zu warten. Wir seien ja noch so jung, 15 und 14. Das erschien mir plausibel, mehr Erklärung brauchte es nicht. Nach ein paar Monaten haben Anna und ich öfters versucht, miteinander zu schlafen. So richtig romantisch auch, mit Zimmer abdunkeln, Kerzenreihen vom Flur bis zum Badezimmer, Schaumbad. Es tat ihr aber weh, wir haben es jedes Mal wieder abgebrochen. Irgendwann meinte sie, wir waren gerade bei mir, irgendein ganz normaler Nachmittag war das: Sie habe jetzt keine Lust mehr zu warten, wollte jetzt die Zähne zusammenbeißen, vielleicht wäre es ja nur ein kurzer Schmerz. Das war dann auch so.

Es war toll, auch für sie, glaube ich, auf jeden Fall sah sie dabei sehr glücklich aus. Bis sie an dem Abend nach Hause gegangen ist, fühlte ich mich wie der König der Welt. Als mein Vater nach Hause kam, saß ich grinsend vor dem Fernseher. Er fragte, was denn sei. Ich grinste noch mehr. Da wusste er Bescheid. Philipp, 17

Jetzt wird es Zeit, dachte ich. Ich bin jetzt 17 Jahre und drei Monate alt. Frank kannte ich erst eine Woche, aber er hatte am gleichen Tag wie ich Geburtstag. Ein Zeichen für Seelenverwandtschaft, dachte ich damals, und beschloss, er soll der Erste sein. Frank war Schreiner und hatte ein Zimmer im Keller. Es war ziemlich dunkel, darin stand eine Bong, ein Fernseher und als einziges Möbelstück ein Bett, das er mit Ketten an die Decke montiert hatte. Ich hatte mir schon ein Pillenrezept besorgt, aber um sie einzunehmen, muss man ja warten, bis man seine Tage bekommt. Das dauerte uns zu lange. Also hatte Frank Kondome und solche Zäpfchen gekauft. Er war 23 und hat mich aufgeklärt, wie man so etwas benutzt. Total nervös war ich, hatte ständig das Gefühl, neben mir zu stehen, mich selbst zu beobachten. Dagegen haben wir Sekt getrunken und ich habe meinen ersten Joint geraucht.

Ich wollte ganz zielstrebig sein, um mir nicht anmerken zu lassen, dass ich noch nie Sex hatte. Das Resultat: So, wie man an einem Milchzahn ruckelt, damit er endlich rausgeht, schlief ich mit Frank, um meine Jungfräulichkeit loszuwerden. Ziemlich grob war das alles, und natürlich auch rücksichtslos gegen mich selbst. Das Zäpfchen hatte irgendeine chemische Reaktion bewirkt, das Bett schaukelte an den Ketten hin und her, und im Fernsehen lief nebenbei „Natural Born Killers“. Nach fünf Minuten war alles vorbei, der Milchzahn war gezogen. Ich stürzte ins Bad, damit Frank das Blut nicht sieht. Das Ganze hatte nicht viel mit richtigem Sex, mit Erregung und Zärtlichkeit, zu tun. Es war mehr eine Sache, die ich hinter mich bringen wollte. Alexandra, 27

Aufgezeichnet von Jeannette Krauth

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