Werbinich : Auf der Schokoladenseite

Leserin Ursula Wissel ging in den 30ern in Budapest auf eine internationale Schule

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Als Hermann Göring, der NS–Reichsmarschall, zum Flughafen kam, um von Budapest wieder wegzufliegen, da wartete die deutsche Kolonie schon fünf Stunden. Als er dann endlich aus dem Auto stieg, überreichte ich ihm zur Begrüßung einen Strauß. Ich war das Blumenmädchen. Göring hatte sich bei der Jagd verspätet, seine beiden Jagdfreunde brachten ihn zum Flugzeug. Die Freunde kannte ich, das waren Juden.

Ich habe mir nichts dabei gedacht, warum auch, in unserer Schule, die ich zu dieser Zeit in Budapest besuchte, spielte es keine Rolle, welcher Religion man angehörte. Es spielte auch keine Rolle, aus welchem Land man stammte. Wir waren eine echte Europa-Schule. Skandinavier, Ungarn und Österreicher, Spanier, Amerikaner und Deutsche gingen in eine Klasse. Wir unterhielten uns auf Ungarisch und Deutsch, ab der ersten Klasse war der Unterricht zweisprachig. Nachmittags trafen wir uns auch außerhalb der Schule und unternahmen gemeinsam Ausflüge. Religionsunterricht, worüber in Berlin gerade jetzt so viel gestritten wird, hatten wir natürlich auch, getrennt nach Konfessionen. Aber jeder konnte den Unterricht der anderen besuchen, so dass wir viel über alle Weltreligionen gelernt haben.

Nun gut, es war keine ganz gewöhnliche Schule. Viele meiner Freundinnen und Freunde waren Kinder von Diplomaten, die sich das Schulgeld leisten konnten. Mein Vater hatte eine Schokoladenfabrik, die er 1922 von Wernigerode nach Budapest verlagert hatte, weil dort bessere Arbeitsbedingungen herrschten.

Diese Schuljahre in den Dreißigern gehören zu den schönsten Jahren in meinem Leben. In dieser Schule haben wir viel gelernt, auch viel über Literatur und Kunst, und wir wurden dazu erzogen, unseren eigenen Standpunkt zu vertreten und zu argumentieren. Fern vom nationalsozialistischen Rassenwahn lebten wir in einer internationalen Gemeinschaft und wurden von den Lehrern ernst genommen und respektiert, egal, welcher Religion einer angehörte.

Bis 1944 lief alles gut. Dann mussten die jüdischen Kinder auch bei uns den gelben Stern tragen, jüdische Mitschüler bekamen ein Notabitur. Die Lehrer hofften, dass sie damit etwas anfangen könnten, was auch immer mit ihnen geschehen würde. Die Lehrer ahnten nicht, was kommen würde. Manchmal übernachteten bei uns zu Hause Bekannte meiner Eltern aus Deutschland. Es waren politische Flüchtlinge. Wir Kinder durften sie nicht sehen, damit wir sie nicht gefährden.

Viele meiner Klassenkameraden, auch die jüdischen, haben den Krieg heil überstanden. Manchmal treffen wir uns noch. Budapest ist irgendwie immer noch meine Heimat, obwohl ich seit 1949 in Berlin lebe. Wenn ich von hier nach Ungarn fahre, sage ich, dass ich nach Hause fahre. Wenn ich von dort wieder wegfahre, auch.

Aufgezeichnet von Claudia Keller.

Ursula Wissel ist 79 Jahre alt und hat als Lehrerin und Psychologin gearbeitet. Im Moment ist sie Ombudsfrau für Behinderte bei der Arbeiterwohlfahrt.

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