Auf der Sonnenseite (11) : Unsere Australien-Kolumne: Geldnot

Für ein Jahr ist Julius Wolf, 22, in Australien. Weil das Konto leer ist, sucht er einen neuen Job. Doch bevor er als Melonpflücker arbeiten kann, heißt es warten, bis die Dinger reif sind. Und Dosennudeln essen

WIRECENTER
Prost! Julius WolfFoto: privat

Seit über sieben Monaten bin ich jetzt in Australien. Bislang bin ich gut mit meinem Geld ausgekommen. Ich hatte gehofft, dass ich mir diese Situation erspare, in die wohl jeder Backpacker hier mindestens einmal gerät: Ich bin pleite. Auf meinem Konto sind noch vier Dollar und ein paar Cent, in meiner Tasche habe ich drei Dollar. Timo geht es nicht anders. Er hat noch zwölf Dollar. Dabei haben wir seit unseren Apfelpflückertagen in Stanthorpe nicht grade in Luxus gelebt. Ging ja nicht im Outback. Da ist ja nichts zum Ausgeben. Aber das Benzin, dass alle 400 Kilometer an den Tankstellen angeboten wird, ist teuer. Wir haben viel Benzin gebraucht. Wir sind einmal quer durch Australien und dann noch die gesamte Westküste nach Norden gefahren. Das sind ungefähr 8000 Kilometer. Und um Adelaide herum wurde Timo und mir das Kochen auf einer Flamme zu blöd. Es gab immer nur Nudeln mit irgendeiner Sauce. Also sind wir auf Fastfood oder BBQ umgestiegen. Beides sehr bequem, aber teuer. Selber Schuld, aber jetzt ist es zu spät für Reue und wir müssen sehen, wie wir aus dem Schlamassel rauskommen.

Auf dem Konto sind nur noch vier Dollar. Die Eltern anrufen? Kommt gar nicht in Frage

Geld von zu Hause anfordern? Meine Eltern wissen nichts davon, dass wir uns nun schon seit drei Wochen ausschließlich von Spaghetti oder Baked Beans aus der Dose ernähren. Und das war ja auch anders gedacht, als bei der ersten Schwierigkeit nach Papa und Mama zu schreien. Dosenspaghetti und Baked Beans, wir hätten geschmacklich auch gleich bei unseren Nudeln bleiben können. Finanziell aber ist es eine Möglichkeit, Geld zu sparen. Nicht besonders lecker, aber mit ein paar billigen Gewürzen geht es.
Eine weitere Option ist es, einfach nichts mehr zu unternehmen. Langeweile kostet nichts und macht nicht hungrig. Also sitzen wir auf unserem Campingplatz in Broome. Wir sitzen und warten. Wir warten auf einen Anruf von einer Wassermelonenfarm hier ganz in der Nähe, wo wir uns nach Arbeit erkundigt haben. Die Melonen sind noch nicht ganz reif, meint der Chef, wir müssten uns noch ein paar Tage gedulden.  Also warten wir. Aus den paar Tagen werden drei Wochen. Uns sind die Ideen ausgegangen, wie wir kostenlos die Zeit totschlagen können. Es gibt den 80 Mile Beach, ein in der Tat etwa 80 Meilen langer schneeweißer Sandstrand. Bei Ebbe kann man sich auf die Suche nach Dinosaurierspuren am Ufer machen. Und wenn man in Broome ist, sollte man sich unbedingt den „Staircase to the Moon“ anschauen. Ein Naturphänomen, das um  Vollmond herum und bei niedrigem Wasserstand auftritt. Dann wirkt Mond riesig und ist knallorange. Und die Reflektion im Wasser sieht so aus wie eine Treppe, die vom Strand bis zum Horizont führt.

Am Strand kann man Dinosaurierspuren suchen - eine der wenigen Freizeitbeschäftigungen, die kein Geld kosten

Das war es aber auch leider schon mit kostenlosen Vergnügungen. Alles andere kostet. Und nicht zu knapp, weil hier grade die Urlaubssaison anfängt.
Allerdings ist die Fülle an Backpackern und einheimischen Touristen für Timo und mich ein auch ein Glück. Immer wieder kann man Gelegenheitsjobs auf Campingplätzen für kostenloses Wohnen erledigen. Oder man räumt bei Coles und Woolworth Regale ein, um sich die nächsten Essen zu finanzieren.
Um noch das Geld für einen Zeltplatz zu sparen, schlafen Timo und ich im Auto. Zwei junge Männer in einem Auto. Das kann gewisse Gerüche hervorrufen. Dagegen helfen Duschen. An jedem Strand gibt es Duschen. Man kann sie jederzeit benutzen, sie sind kostenlos, und sie sind saukalt. Zum Warmduschen, schleichen wir uns in eins dieser Jugendhotels und hoffen, hoffen, dass man uns nicht erwischt und mit Schaum auf dem Kopf rausschmeißt.

Immerhin für's Wäschewaschen müssen wir nichts bezahlen - dank Q-Tips

Und die Klamotten? Das ist das einfachste. Den Trick, wie man in ganz Australien umsonst waschen kann, hat uns in der ersten Woche in Melbourne der Nachtwächter unseres Hotels verraten. In jeder Wäscherei in Australien steht der gleiche Typ Waschmaschine. Und alle haben sie das gleiche Geldeinwurfsystem. Einen Schlitten mit ein bis drei Schlitzen für zwei Dollarstücke. Wenn man diesen Schlitten nur zur Hälfte einschiebt, öffnen sich im Inneren die Einwurflöcher für die Dollars. Jetzt braucht man eine gewisse Anzahl von Q-Tips, diese Wattestäbchen, mit denen man sich die Ohren putzt. Man steckt die Q-Tips ind den Schlitten und schiebt ihn komplett rein. Q-Tips haben in Australien die gleiche Wirkung wie Dollars. Man kann zwar keinen Einkauf mit den Wattestäbchen bezahlen, aber kostenlos Waschen. Offensichtlich hat die Firma, die dieses freundliche Geldsystem entwickelt hat auch einen Grossteil der Billardtische so ausgestattet. Ebenso den einen oder anderen Getränkeautomaten. Wir haben eine Menge Q-Tips.
All das ist zwar die Erfahrung sich mal ohne Geld und elterliche Unterstützung durchgeschlagen zu haben wert, wird aber doch recht anstrengend auf die Dauer. Die Stimmung zwischen mir und Timo ist auch ohne Unterernährung und Rückenschmerzen von unbequemen Autositzen schlecht genug.
Zum Glück klingelt mein Handy, während wir uns mal wieder gegenseitig die Schuld für unsere Misere zuschieben. Die Melonen sind reif. Ab morgen früh sechs Uhr wird wieder gearbeitet. Und Geld verdient. Und gegessen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben