Auf der Sonnenseite (2) : Unsere Australien-Kolumne: Ich muss raus aus Melbourne

Für ein Jahr ist unser Autor Julius Wolf, 21, in Australien und will sich dort durchschlagen, arbeiten, Geld verdienen, ein Auto finden. Doch das ist gar nicht so einfach - jetzt, so kurz vor Weihnachten.

Julius Wolf[Melbourne]
Julius
Hallo Heimat. Julius aus Berlin berichtet für uns aus Melbourne.Foto: privat

Ich habe Arbeit. Wir haben Arbeit. Timo, der mit mir hierher gekommen ist und Adam.

Es wurde auch langsam Zeit. Adam ist Engländer, er kommt aus Manchester und verachtet Liverpool. Das sorgt für einige hitzige Gespräche. Ich nämlich verachte Liverpool keineswegs, aber Manchester United, also wirklich, geht doch gar nicht. Aber sonst ist Adam in Ordnung. Er ist ein bisschen älter, 23, aber er hat exakt den gleichen Humor wie wir. Getroffen haben wir uns im ersten Jugendhotel, und seitdem reisen wir zusammen. Zu unserer kleinen Gruppe gehören in Melbourne noch zwei Mädchen: Charley aus Jersey und Ludivine aus Nordfrankreich.

Für einen Dollar am Tag nach Tasmanien? Ein super Plan!

Wir hatten einen Plan. Einen Plan haben in Australien? Zuerst hatte Charly den Vorschlag gemacht, nach Tasmanien zu fahren. Eine Arbeitsstelle für uns alle hatte sie auch schon gefunden. Und das Beste: Wir kommen fast umsonst auf die Insel. Charly hatte eine Firma gefunden, die Backpackern für einen Dollar am Tag große Campervans vermieten. Alles was man dafür tun muss, ist den Van in einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort fahren. Das nennt sich Relocation. Das klang nach einem guten Deal. Fast gratis hinfahren, sichere Arbeit und Tasmanien sehen. Also haben wir den Plan, ein eigenes Auto zu kaufen, aufgeschoben und den Van gebucht. Am Tag vor der Abreise kam der Anruf. Es gibt keine Arbeit in Tasmanien. Super Plan.

Nächste Lektion: Plane lieber nichts.

Nächste Lektion in Australien: Plane nicht, kommt eh alles anders. Und wenn du schon planst, dann plane allein. Was sollen wir in Tasmanien ohne Arbeit? Geld haben wir zwar noch ausreichend, aber nicht für endlosen Urlaub. Und das Jugendhotel ist auch nicht ewig gebucht. Unser Stadtteil ist nachts voll von Backpackern, die keine Unterkunft haben. Wir müssen raus. Dann der nächste Schock: Als wir den gebuchten Van stornieren, bekommen wir unsere 250 Dollar Pfand nicht zurück. Einen Tag zu spät storniert. Außerdem regnet es. Pläne? Improvisation ist angesagt.

Ich will raus aus Melbourne, arbeiten über Silvester

Bis jetzt habe ich noch niemanden getroffen, der seine Pläne wirklich auch hat umsetzen können. Also vergessen wir das und machen einfach weiter. Ich spüre aber: Ich muss raus aus Melbourne. Tolle Stadt, wunderbar, aber man versumpft zwischen all den anderen Backpackern, den untätigen Backpackern. „Ja, ich will arbeiten, aber jetzt noch nicht“, sagen sie alle. Aber wir wollen jetzt arbeiten. Wenn’s geht, auch über Weihnachten und Silvester. „Um die Zeit stellt niemand an“, sagen die anderen. Das ist auch eine Art Plan. Er stimmt nur nicht.

Wir haben eine Farm ausfindig gemacht. Irgendwo nördlich von Melbourne. Irgendwo nördlich von Melbourne heißt fünf Stunden mit dem Bus nördlich von Melbourne. Telefonisch ist der Job gebucht. In drei Tagen ist Abfahrt. Wir sollen vorarbeiten für Traubenernte, die im Januar beginnt. Wo wir übernachten? Keine Ahnung. Der Lohn? Keine Ahnung. Aber wenn wir einmal dort sind, können wir uns immer noch entscheiden, wo es als nächstes hingeht. Oder ob wir bleiben und ernten helfen. Oder ob wir dann überhaupt noch dort sind. Nur keine Pläne mehr schmieden.

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