Auf der Sonnenseite (4) : Unsere Australien-Kolumne: Aromatische Kräuter zu Silvester

Für ein Jahr ist unser Autor Julius Wolf, 21, in Australien. Nun hat er Silvester gefeiert, es war lustig, schräg, richtig gut. Und noch viel mehr.

Julius Wolf[Melbourne]

Alles wird ganz still. Man hört nur die Wellen rauschen. Timo, Adam, Keule, Danny, Eales, Karen, Michi, Sonja, Hannes, John, Luisa, Pier, Remi, Giacomo und ich stehen mit hochgekrempelten Hosen und T-Shirts im Wasser. Ich habe mein Neujahrsbier in der Hand und irgendjemand rollt aromatische Kräuter, ja, die gibt es auch hier, in ein Blättchen. Alle sind tierisch betrunken. Wir sind bereit für unser erstes australisches Silvester. Bei 20 Grad und lauem Seewind.

Ich sitze im Sand und trinke mein Bier

Wir zählen den Countdown. 3, 2, 1 und es ist 2009. Wir drehen uns um Richtung Stadt, und ich sehe das spektakulärste Feuerwerk, dass ich je gesehen habe. Zehn Stunden früher, als in Deutschland die Feuerwerke hochgehen. Nach allem was ich übers Telefon höre, auch 25 Grad wärmer als in Deutschland. So sollte Silvester immer sein. Anders als zu Weihnachten geht mir die Kälte und der fehlende Schnee überhaupt nicht ab. Ich trinke mein Bier und genieße die Farben der Raketen.

Wir sitzen im Sand und unterhalten uns über vergangene Neujahrsabende. Das hier ist etwas Besonderes. Personen aus sechs verschiedenen Nationen erzählen sich besondere Erlebnisse der letzten Jahre. Manche sind, wie ich, erst seit ein paar Wochen unterwegs, andere reisen schon Jahre durch die Welt. Jemand reicht etwas weiter, das Ding voller aromatischer Kräuter, er hustet und schlägt vor, schwimmen zu gehen. Aber dafür bin ich dann doch schon zu lustig drauf. Ich schlendere mit Karin am Strand entlang.

Alle strahlen, trinken, küssen sich

Jedes Mal, wenn uns jemand entgegenkommt rufen wir: „Happy New Year.“ Ich habe das Gefühl, dass hier grade wirklich kein Mensch schlechte Laune hat. Alle strahlen, torkeln, trinken, reden oder küssen sich. Und überall ist Musik in der Luft. Am Strand sitzen große Gruppen mit Gitarren und Trommeln. An der Promenade stehen die Türen zu den Bars und Clubs offen. Aus allen kommt Musik, meist gespielt von Livebands.

Wir gehen zurück zu Karin's Wohnung, die sie sich mit Keule, Danni und Eales teilt. Schon von draußen hört man laute Musik und Gelächter. Die Tür steht offen und Remi stürzt uns mit nacktem Oberkörper entgegen, eine Flasche Whiskey in der Hand. Er lallt irgendwas auf Französisch und fällt hin. Im Wohnzimmer, das vielleicht zwölf Quadratmeter groß ist, tanzen 25 Leute. Alle Jungs sind oben ohne und die Mädchen haben leuchtende Knicklichter im Ausschnitt und in den Haaren. Eales drückt mir ein Bier in die Hand und schreit: „Happy New Year“ und alle antworten ihm im Chor.

Alle Jungs sind oben ohne

Es ist eine unglaubliche Stimmung in dieser kleinen Wohnung. Keiner sitzt länger als eine Minute, weil man sofort wieder auf die Tanzfläche gezogen wird. Der Duft der selbstgedrehten Dinger, ihr wisst schon, wabern durch den Raum und eine Jack Daniels Flasche macht die Runde. In der Ecke stehen drei Kisten mit Goon, einem unglaublich billigen und schlechten Wein, den alle Backpacker trinken. Aber das ist eine Geschichte für sich. Irgendwann zwischen vier und fünf Uhr liege ich im Bett und schlafe sofort ein. Ich wache auf weil ein Wecker klingelt und stelle fest, dass ist alles so passiert. Ich meine, ich habe schon lustige Silvester erlebt, rauschhafte, aber dieses hier, in der Wärme, in der Fremde, mit Menschen aus aller, aller Welt war das Beste. Happy new year!

Julius Wolf berichtet an dieser Stelle regelmäßig für uns aus Australien.

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