Auf der Sonnenseite (9) : Unsere Australien-Kolumne: Lagerkoller bei Wein und Käse

Für ein Jahr ist Julius Wolf, 21, in Australien. Nach einer ereignislosen Fahrt durch das Outback, taucht plötzlich eine Stadt am Horizont auf. Das jagt unserem Autor einen ganz schönen Schrecken ein - aber nicht nur das...

Julius
Julias kurz vorm LagerkollerFoto: privat

Zurück in der Zivilisation: Der Kater lässt nicht lange auf sich warten 


Ich kann Häuser sehen. Ein Haus, zwei Häuser, viele Häuser. Und alle nebeneinander. Und Menschen sind zu sehen. Ein Mensch, zwei Menschen, viele Menschen, ein richtiger Menschenauflauf. auf einem Haufen. Wahrscheinlich ist das, was ich sehe, eine Stadt. Ich habe lange keine Stadt mehr gesehen, nur die Leere des Outbacks. Die Stadt heißt Adelaide. Sie hat viele Läden, in denen man viel Geld ausgeben kann. Geld ist knapp, deshalb können wir nur drei Tage in der Zivilisation bleiben. Wir schlafen auf einem Parkplatz am Strand. Timo und ich, und Franzi, Maren und Zara, und dazu stehen noch sieben andere Backpackerautos herum. Eine Gruppe kocht, wenn man das Kochen nennen kann auf einer einzigen, winzigen Gasflamme. Ein paar Belgier trinken aus unauffälligen Packpapiertüten irgendwelchen Alkohol. Muss gut sein, so laut, wie die rumgrölen. Wir sitzen mit einer Bekannten aus Melbourne und drei Franzosen am Strand. Weinbauer auf Bildungsreise, sie bilden sich sehr intensiv. Ich mich auch. Ich weiß jetzt, warum auf den Billigweinen hier vor Fisch- und Eierresten gewarnt wird. Die Fisch- und Eierreste dienen, wie mir die Franzosen zwischen Flasche zwei und Flasche drei erzählen, der Sedierung des Weines. Offenbar bilden sich bei der Gärung Partikel im Wein, die sich erst am Boden des Fasses absetzen müssen, damit der Wein getrunken werden kann. Und die Ei- und Fischprodukte helfen diesen Prozess zu beschleunigen. Sehr interessant, denke ich, „die Flasche hier schmeckt jedenfalls nicht nach Ei und Fisch.“ Nur der Kater am anderen Morgen, der war ziemlich ekelig.

Endlich keine Fertignudeln mehr

Zivilisation. Adelaide hat einen schönen Markt. Mit frischem Brot, gutes Brot, nicht diese weiße Pappe, die sie hier überall als Weißbrot verkaufen. Frisches Obst, echt frisch, nicht wie bei Coles oder Woolworth's, die ihr Obst erst mal ein Jahr einfrieren, bevor sie es verkaufen. Käse, Fleisch, Fisch, Maracujas, Süßigkeiten, Fruchtsäfte, Kaffee. Eine Orgie bahnt sich an nach den langen Wochen mit Rastplatzfraß und Fertignudeln mit Ketchup. Satt und zufrieden sitzen wir im Marktcafe und versuchen die Nationalitäten der vielen Backpacker zu erraten, die hier herumlaufen. So könnte ich länger reisen, ist aber leider zu teuer.

Spaß oder Arbeit - das ist hier die Frage

Und darüber kommt es zu Streit. Denn es muss weiter gehen. Weiter nach Perth. Und von Perth weiter nach Broome. Da soll ein Job auf einer Wassermelonenfarm zu haben sein. Zwischen Adelaide und Perth liegt aber erst mal Nullarbor. Das ist ein ungefähr 1400 km langer Streifen, über den es heißt, dass er noch leere sei als das Outback. Durch Nullarbor führt die längste Strasse in Australien, sie führt nur geradeaus, der Highway 1. Es soll noch weniger Tankstellen geben, wir müssen unbedingt Reservebenzin mitnehmen. Meine Lust auf stundenlanges Überhauptnichts ist nicht sonderlich groß, aber es geht nicht anders. Wer von Adelaide nach Perth will und nicht fliegt, der muss da durch. Also füllen wir den Reservekanister auf, laden unsere tragbare Batterie, zum Wiederaufladen der Autobatterie auf und decken uns mit Essen, Trinken und Eis für die Kühlbox ein. Es kann eigentlich losgehen.

Während wir uns von den Mädchen verabschieden, die nach Melbourne wollen, fängt Timo an zu maulen. Warum wir nicht auch nach Melbourne führen, fragt Timo, „da sind wenigstens Leute, mit denen ich Deutsch reden kann und da kenne ich mich aus.“

„Das ist aber nicht das, warum wir diese Reise machen“, sage ich, „ich bin nicht hier, um Deutsch zu reden und die Sachen zu sehen, die ich schon kenne.

„Ich habe keine Lust auf die Westküste“, sagt Timo, „die hat auch nicht auf dem ursprünglichen Plan gestanden. Ich darf nie Entscheidungen treffen, auf der  ganzen Reise nicht. Es geht immer nur nach dir.“ Der Ton wird härter, Timo brüllt jetzt.

Die Reise fängt an, die Freundschaft zu belasten

Es schwelt schon seit ein paar Wochen. Es geht um die Reiseentscheidungnen, ich bin der Meinung, wir treffen sie gemeinsam, Timo ist nicht der Meinung. Es ginge immer nur nach meinem Willen, er sei das kleine Anhängsel. Inzwischen kommen die Wutanfälle nahezu täglich. Jetzt in Adelaide bin ich zum ersten Mal an dem Punkt, an dem ich gerne alleine weiter reisen würde. Diese Reise fängt an, unsere Freundschaft zu belasten. Eine Zeit lang Ruhe voneinander würde bestimmt gut tun. Aber über den Vorschlag, dass er allein nach Melbourne fährt und dann nach Perth oder Broome fliegt und wir uns dort wieder treffen, findet Timo nicht witzig. „Ja, lass mich ruhig hier sitzen, dann kannst du ja endlich machen was du willst!“ Ich bin wirklich kurz davor das zu tun. Ich komme mir wirklich manchmal vor wie der Reiseleiter oder der Übersetzer. Aber ich habe den Führerschein und Timo nicht, ich kann ihn nicht einfach zurücklassen. Ich kann nur hoffen, dass er sich, wir uns, wieder einkriegen. Ein Job muss her, Ablenkung irgendwelcher Art. Die Stimmung fängt an wieder auf das Niveau zu sinken, das wir vor Stanthorpe hatten. Auf nach Perth.

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