Werbinich : Aus der „Schulzeit“ fürs Leben lernen

Claudia Keller

Das Wort lehren hatte im Althochdeutschen etwas mit „haften“ und „bleiben“ zu tun. Die Bedeutung schwingt heute noch mit: Viele Schüler empfinden die Schule als Haftanstalt. „Haften“ bleibt nur wenig. Das liegt an den Lehrern. Sie haben es in der Hand, ob die Kinder etwas lernen. Unsere Kolumne „Meine Schulzeit“ auf dieser Seite hat das in den vergangenen Wochen bewiesen – und auch, wie viel mit einem guten Lehrer fürs Leben hängen bleiben.

Es war ein charismatischer Lehrer, der vor 60 Jahren dem Oberschüler in Ostpreußen so viel Spaß an den Naturwissenschaften vermittelte, dass der später selbst Lehrer werden wollte. Eine Lehrerin war es, die vor zehn Jahren die Punkerin wieder zurück in die Schulbank brachte, nachdem die anderen sie schon aufgegeben hatten, weil alle Strafen keine Änderung bewirkt hatten. Und diese Woche ist es wieder ein Lehrer, der eine Schülerin auf den richtigen Weg gebracht hat, nachdem sie eine Unterschrift gefälscht hatte. Heute ist die ehemalige Schülerin Staatsanwältin. Alle diese Geschichten zeigen auch, dass Pädagogen dann erfolgreich sind, wenn sie die Kinder ernst nehmen und ihnen vorleben, dass ihre eigenen Worte keine leeren Phrasen sind.

Aber das geht nur, wenn Lehrer sich selbst und ihr Tun ernst nehmen. Ausgebrannte, kranke Lehrer können das nicht, sie hecheln nur noch den Aufgaben hinterher, haben jegliches Selbstbewusstsein verloren. Es hat lange gedauert, bis Politiker und Schulbehörden das Ausmaß der Misere erkannt haben, das mit dem Wort „Burnout“ umschrieben wird. Es wäre schlecht, wenn es noch mal so lange dauern würde, bis sich etwas ändert. Denn eigentlich müssten schon jetzt die Besten eines Jahrgangs Lehrer werden und nicht die, denen nichts anderes einfällt. Dafür muss aber das Ansehen des Berufs steigen, das heißt, wir alle müssen das Ansehen steigern: die Politiker, indem sie viel mehr Geld in Lehrerstellen investieren, die Lehrer, indem sie miteinander reden, sich selbst bestärken und nicht jeder allein vor sich hin wurschtelt – und wir anderen, indem wir uns klar machen, was ein Lehrer heute können muss: fachlich kompetent sein, Sprachtherapeut, Psychoanalytiker und Sozialarbeiter. Hand aufs Herz: Wer von uns würde das hinkriegen, alles auf einmal?

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