Werbinich : Ausflug ins Arbeitsleben

Wie baut man eigentlich eine Citytoilette? Und wie ein Türschloss aus Stahl? Dies und anderes erfuhren Schüler im Werk der Wall AG

Katja Gartz

Eigentlich will Fatih Arzt werden. Oder Lehrer. Doch seit der elf Jahre alte Schüler einmal angehenden Konstruktionsmechanikern über die Schultern gesehen hat und an einer Türverriegelung aus Stahl schrauben durfte, kommt auch ein technischer Beruf in die engere Wahl.

„Ich möchte noch viele Berufe kennenlernen“, sagt Fatih. Bevor der Fünftklässler sich für einen Beruf entscheiden muss, will er auf ein Gymnasium gehen. Damit seine Chancen für die entsprechende Empfehlung steigen, nimmt Fatih am Förderprojekt „Rechenfix & wortgewandt“ der Jens-Nydahl-Schule teil. Finanziert wird das Projekt von der Wall AG. Diese Bildungspartnerschaft ist eine von zahlreichen Kooperationen des Vereins Wissensfabrik.

Da zu dem Projekt auch ein Besuch der Produktionshalle in Velten gehört, haben Schüler der Kreuzberger Grundschule schon einmal zugeschaut, wie Citytoiletten, Wartehäuser und Litfaßsäulen gefertigt werden. Design- oder Architekturstudenten sowie Oberschüler seien häufiger bei Wall zu Gast, Grundschüler eher die Ausnahme. Doch „auch für die Jüngeren ist der Besuch eine gute Gelegenheit, um einen Kontakt zu Auszubildenden und der Berufswelt zu bekommen“, sagt Alexander Pietz, Wall-Vorstandsmitglied.

„Die Schüler haben bisher zu wenig Kontakt zur Berufswelt“, bestätigt Schulleiterin Manuela Seidel. Wenn die Eltern arbeitslos seien, fehle den Kindern häufig der Bezug zur Arbeitswelt. Viele Schüler wüssten nicht, wofür sie lernten, weil sie kaum Berufe kennen und deshalb selber keine Visionen für die eigene Zukunft entwickelten.

Bisher richtet sich das Projekt „Rechenfix & wortgewandt“ an Schüler der dritten bis fünften Klasse. Seit vergangenem November nehmen 32 Schüler in drei Gruppen aufgeteilt daran teil. Einmal wöchentlich besuchen sie nachmittags drei Stunden Förderunterricht. Ziel ist es, die Lese-, Rechtschreib- und Rechenkompetenz zu verbessern. Da 94 Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft sind, kann die Mehrzahl von ihnen aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse dem Unterricht nur schwer folgen. In Mathematik und Sachkunde haben sie Schwierigkeiten, weil sie Textaufgaben schlecht verstehen. Der Unterricht wendet sich besonders an leistungsstärkere Schüler.

Die Themen des zusätzlichen Unterrichts heißen Film und Fernsehen, Volumen oder Ernährung. Um den eigenen Geschmackssinn zu testen, probierten die Schüler Wasser mit Salz, Zitrone und Zucker. Welche Geschmacksknospen was schmecken, wurde protokolliert. Nach dem Geschmack folgt die Menge von Lebensmitteln. „Die Überleitung zur Mathematik gelingt mit Sachaufgaben, bei denen es um die Anzahl von Kilo und Euro geht“, berichtet die Grundschulpädagogin Eva Mrop. Die Aufgaben knüpft sie an einen Restaurantbesuch einer Familie. Auch gemeinsames Kochen und ein Marktbesuch gehören zum Unterricht. Wunschgericht war eine Reispfanne. Das Rezept dafür mussten die Schüler selber zusammenstellen.

Bei den Fünftklässlern zeigt das Förderprogramm bereits Wirkung. „Sechs von zwölf Schülern haben sich verbessert, sowohl in Deutsch als auch in Mathe“, sagt die Grundschulpädagogin. Einer davon ist Fatih. Seit er den Förderkurs besucht, hat er sogar regelmäßig seine Hausaufgaben gemacht.

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