Werbinich : Azubis in den Unterricht

Vom Ausland gelernt: Praxisklassen erleichtert Hauptschülern die Laufbahn

Katja Gartz

Alexander Ganschorek schwänzt nicht mehr. Das Praxisprojekt ist ihm wichtiger, denn endlich sieht er einen Weg zu seinem Traumberuf. Er möchte Tischler werden. Der 14-Jährige ist einer von 26 Hauptschülern, die an einem Modellprojekt teilnehmen, das Unterricht und Berufspraxis vereint – mit dem Ziel, jene Hauptschüler zum Lernen zu motivieren, die sonst Gefahr liefen, keinen Schulabschluss zu erreichen. Die so genannten Praxisklassen, die jetzt an vielen Berliner Hauptschulen eingerichtet werden, sind eine direkte Konsequenz aus der Pisa-Studie 2000. Sie hatte ergeben, dass Hauptschüler oft Risikoschüler sind ohne Aussicht auf einen beruflichen Einstieg. Hinzu kam, dass Berlin im Ländervergleich seit Jahren Spitzenreiter bei den Schulabbrechern ist.

Das soll sich ändern. Deshalb arbeiten die Heinz-Brandt-Oberschule in Weißensee und die Steglitzer Johann-Thienemann-Oberschule seit September mit dem Verein Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) zusammen. Der theoretische Unterricht für die Praxisklassen findet nur noch an zwei Tagen pro Woche statt. An den übrigen Tagen lernen die Schüler von neun bis 16 Uhr in den Werkstätten des CJD die Grundlagen fürs Hotel- und Gastronomiegewerbe, für die Bürokommunikation, für metallverarbeitende Berufe, Holz-, Farb- und Raumgestaltung, für das Verkaufen und für Zweiradmechanik. Ins Leben gerufen hat das berufsorientierte Schulkonzept der frühere Schulleiter der Moabiter Breitscheid-Oberschule, Jochen Trinte. Die Vorteile hat er in den Niederlanden kennen gelernt.

Bereits nach neun Wochen kann man auch in Berlin erste Erfolge sehen. „Die Schüler gehen gerne in die Werkstätten, sie schwänzen nicht mehr und kommen pünktlich“, sagt Karla Werkentin, Leiterin der Heinz-Brandt-Schule. Mit Unterstützung von Auszubildenden, Meistern, und Sozialarbeitern bearbeiten die Jugendlichen Praxisaufgaben. „So ist Schule viel interessanter“, sagt Julian Siegmund, der gerade Metallzierspitzen herstellt.

An den Schultagen mit jeweils acht Stunden stehen Deutsch, Mathematik, Englisch und Gesellschaftslehre auf dem Plan. Durch zusätzlich vom Senat finanzierte Lehrerstunden können sich zwei Lehrer um die Schüler kümmern und sie individueller fördern. Wer nach Besuch der Praxisklassen einen Abschluss erreicht, hat anderen Hauptschülern viel voraus: zwei Jahre Berufserfahrung, Kenntnisse des ersten Ausbildungsjahres und neben dem Schulabschlusszeugnis einen Nachweis über die beruflichen Fähigkeiten. Finanziert wird das zweijährige Modellprojekt vom CJD mit Spenden.

Nach dem neuen Schulgesetz sollen alle Hauptschulen die Schüler, bei denen am Ende der achten Klasse absehbar ist, dass sie keinen Abschluss erreichen, in der neunten und zehnten Klasse mit praxisorientierten Lehrplänen fördern. Etwa ein Viertel der Hauptschulen hat die neue Schulstruktur bereits umgesetzt. So hat die Pommern-Oberschule in Charlottenburg eine Praxisklasse für elf Schüler eingerichtet. Auch hier haben die Schüler pro Woche zwei Unterrichts- und drei Praxistage. Berufserfahrungen sammeln sie in kleinen und mittelständischen Betrieben, in den Bereichen Gartenbau und Kraftfahrzeugtechnik sowie in Friseurgeschäften und Tankstellen. Dadurch können die Betriebe die Schüler über einen längeren Zeitraum kennen lernen und einarbeiten, wodurch sich die Chancen auf einen Ausbildungsplatz erhöhen. Doch nicht alle Schüler sind vermittelbar. „Zwei Schüler können wir einem Betrieb nicht zumuten, sie sind chaotisch und kommen, wann sie wollen“, berichtet Schulleiter Dieter Hohn. Diese Schüler arbeiten an den Praxistagen mit dem Schulhausmeister zusammen.

Um die Finanzierung, Kooperationspartner oder Kontakte zu Betrieben müssen sich die Schulen selbst kümmern. Außerdem ist jede Schule für die Gestaltung der Praxisangebote selbst verantwortlich. Das bedeutet einerseits mehr Flexibilität und Gestaltungsfreiheit, andererseits sind viele Hauptschulen mit der Einführung von Praxisprogrammen überfordert. „Es müssen ja nicht alle gleich Praxisklassen gründen“, sagt Horst Seidel von der Bildungsverwaltung. Schon mit einem praxisorientierten Unterricht in bestehenden Klassenverbänden einer stärkeren Zusammenarbeit mit Auszubildenden und Eltern sei schon viel geholfen.

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