Werbinich : Bärenstark ist nicht stark genug

Bildungssenator Klaus Böger stellt neuen Sprachtest „Deutsch plus“ vor. 38 000 künftige Erstklässler sollen daran teilnehmen

Susanne Vieth-Entus

Rund 3000 Berliner Jugendliche pro Jahr verlassen die Schule ohne Abschluss. Meist haben diese missglückten Bildungskarrieren damit begonnen, dass die Kinder ohne Deutschkenntnisse eingeschult worden sind. Da die Schulen offenbar nicht in der Lage sind, den Rückstand aufzuholen, wird jetzt ein verpflichtender halbjähriger Sprachkurs eingeführt. An ihm sollen alle Kinder teilnehmen, die schlecht Deutsch sprechen und weder eine Kita noch eine Vorklasse besuchen.

Lange Zeit war umstritten, auf welche Weise der Förderbedarf festgestellt werden soll. In den vergangenen Jahren hatten sich die Kindergärten und Schulen auf den so genannten Bärenstark-Test gestützt, der von Weddinger Grundschullehrern entwickelt worden war. Einige Wissenschaftler bemängelten allerdings, dass „Bärenstark“ nicht verlässlich sei, weshalb sich Bildungssenator Klaus Böger (SPD) entschloss, ein anderes Verfahren zur Sprachstandsfeststellung zu übernehmen. Ihm sollen noch vor den Weihnachtsferien alle 38 000 künftigen Erstklässler unterzogen werden. Gestern stellte Böger die Pläne vor.

Das neue Verfahren heißt „Deutsch plus“ und wurde teilweise aus Niedersachsen übernommen. Es besteht aus einem Elterngespräch, aus der Überprüfung des aktiven und passiven Wortschatzes sowie aus Übungen zum Aufgabenverständnis. Auch Kinder, die offensichtlich gut Deutsch sprechen, sollen – anders als in Niedersachsen – alle vier Teile des Verfahrens absolvieren. Damit will Böger offenbar dem Vorwurf begegnen, die Sprachkenntnisse nicht flächendeckend zu erfassen. Dennoch bleibt ein großer Nachteil gegenüber dem Bärenstark-Test: „Deutsch plus“ ist weniger umfangreich und damit weniger aussagekräftig. In einer Erläuterung des Landesinstitutes für Schule und Medien heißt es denn auch, dass Deutsch plus „keine hinreichende Auskunft“ darüber geben kann, in welchen Bereichen die Förderung erfolgen muss und welche Lernangebote die Lernentwicklung des einzelnen Kindes unterstützen.

Dieser Nachteil gegenüber „Bärenstark“ wurde denn auch gestern von der Opposition aufgegriffen. Die Erzieherinnen würden mit der Frage, was genau sie denn nun fördern sollen, genauso alleine gelassen wie mit der Frage, wo sie die Zeit für die zusätzliche Förderung hernehmen sollen, kritisierte die bündnisgrüne Kita-Expertin Elfi Jantzen. Zudem fordert sie eine gezielte Fortbildung für die Erzieherinnen.

Auch die FDP bezweifelt, dass das neue Verfahren den gewünschten Erfolg haben wird. Ihre bildungspolitische Sprecherin Mieke Senftleben fragte gestern, was es denn bringen könne, wenn man die Kita-Kinder, die schlecht Deutsch sprechen, nach dem Test „wieder zurück in dieselbe Einrichtung verweist, die vorher nicht in der Lage war, diese Defizite zu beheben“.

Böger setzt dennoch auf die Kitas. Er verwies gestern auf das neue Bildungsprogramm, das alle Kitas dazu verpflichtet, sich aktiv um die Sprachkenntnisse der Kinder zu kümmern. Außerdem werde die Ausbildung der Erzieherinnen weiter verbessert. Allerdings dürfe man sich nicht der „Illusion“ hingeben, dass quasi über Nacht alles besser werde, stellte Böger mehrfach klar.

Die Bärenstark-Tests in den vergangenen Jahren hatten ergeben, dass fast die Hälfte der Kinder im Vorschulalter so schlecht Deutsch spricht, dass sie Sprachförderung benötigt. Bei den Kindern ausländischer Herkunft waren es sogar 80 Prozent. Auch mehr als ein Viertel der Kinder mit deutscher Muttersprache hat große Probleme im Deutschen. Aufgrund dieser Erfahrungen ist davon auszugehen, dass von den 38 000 Erstklässlern, die erwartet werden, rund 20 000 Defizite im Deutschen aufweisen. Rund 95 Prozent von ihnen besuchen eine Kita oder Vorklasse, und dort soll auch jeweils die sprachlichen Zusatzförderung für jene Kinder stattfinden, die bei „Deutsch plus“ schlecht abschneiden.

Nur rund 1700 Kinder besuchen weder eine Kita noch eine Vorklasse. Der Bildungssenator geht davon aus, dass von ihnen maximal 700 so schlecht Deutsch sprechen, dass sie an dem neuen verpflichtenden Sprachkurs teilnehmen müssen. Dieser Sprachkurs soll an den Grundschulen stattfinden und möglichst von Lehrkräften ausgerichtet werden, die eine Fortbildung im Fach „Deutsch als Zweitsprache“ absolviert haben.

Wenn an einigen Schulen kein Kurs zustande kommt, weil nur einzelne Kinder Förderbedarf haben, sollen sie an einer Schule in der Nähe des Wohnorts zusammengefasst werden. Laut Referatsleiterin Silvia Wagner-Welz ist auch nicht ausgeschlossen, dass einzelne Kinder nachträglich in Vorklassen integriert werden.

Bisher ist vorgesehen, dass der Pflicht-Sprachkurs nur maximal zwei Zeitstunden umfassen soll. Ob das ausreicht, um die Kinder in der kurzen Zeit von Februar bis Juli auf die Schule vorzubereiten, wird unter Experten bezweifelt. Denn die Erfahrung mit den Vorklassen zeigt, dass selbst ein komplettes Jahr nicht genügt, um den Kindern Deutsch beizubringen. Und das, obwohl der Vorklassenunterricht nicht nur zwei Stunden, sondern rund fünf Stunden dauert.

Erschwerend kommt hinzu, dass es im kommenden Schuljahr keine Vorklassen mehr geben wird. Noch ist unklar, was dann mit den tausenden ausländischen Kindern passiert, die zurzeit an den kostenlosen Vorklassen teilnehmen. Zu erwarten ist, dass dann wesentlich mehr als nur 700 Kinder auf die neuen Sprachkurse angewiesen sind. Böger hofft, dass künftig mehr Kinder den Weg in die Kitas finden werden.

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