Werbinich : Beats ’n’ Benefiz

Battle am Stausee, Hip-Hop vor 20 000 Fans: Das „Splash“ ist legendär. Jetzt braucht es dringend Hilfe

Johanna Lühr[Chemnitz]

Messe-Arena, tief in Chemnitz. Die Stühle müssen raus. Zwei Jungs in Kapuzen-Shirts stehen in der Mitte der Halle und drehen sich um die eigene Achse. „Mit 5000 Leuten machen wir das Ding hier dicht!“, sagt der eine. „Da müssen wir aber noch ein paar Tickets verkaufen“, meint der andere. „Wird schon gehen“ – „Nee, muss gehen!“.

Dass es gut wird in dieser Chemnitzer Konzerthalle, dass es Spaß macht und rockt – geschenkt. Es geht ums Geld. Das Benefizkonzert heute Abend in der Chemnitzer Arena ist eine Rettungsaktion. Die Einnahmen sind für das „Splash“-Festival, das größte Hip-Hop und Reggae-Festival Europas, das Jahr für Jahr mehr als 20 000 Leute aus allen Ländern Europas anzieht.

Doch in diesem Sommer ist gewaltig was schief gelaufen, das zweite Mal hintereinander. Die sonnige Fußball-WM war gerade beendet, da änderte sich das Wetter abrupt, nicht Tropfen, ganze Sturzbäche fielen vom Himmel, so dass selbst die treuesten Fans irgendwann ihre feuchten Schlafsäcke einrollten. Andere kauften gleich gar keine Karten.

Neun Jahre Splash. Nächstes Jahr sollte der zehnte Geburtstag sein. Nun fehlt das Geld. War’s das also, im Sommer ’06? „Das Allertraurigste war der Montag danach“, sagt Jan Voigtmann, der Sprecher von Splash. Da wachten sie auf und blinzelten in die Sonne. Die schien erstmals nach drei Tagen Regen.

Die Geschichte vom Splash ist auch die Geschichte einer langsamen Annäherung zwischen einer Stadt und ihrer Jugend. Chemnitz, ehemals Karl-Marx-Stadt, hat nicht unbedingt den besten Ruf in Sachen Party. In Leipzig wird gedacht, in Dresden gefeiert und in Chemnitz gearbeitet, soll es zu DDR-Zeiten geheißen haben. Aber Hip-Hop gibt’s auch hier. Hip-Hop ist Funk- und Soulmusik, entstanden Ende der 70er in den afro-amerikanischen Ghettos von New York. Musik der Straße, zu der außer Rap auch Breakdance und Graffiti gehört. Kein Style, sondern eine Subkultur. Und dass sie aus den USA kommt, macht es umso faszinierender.

Auch die fünf Jungs, die hinter Splash stehen, haben sich über den Hip-Hop kennen gelernt. Alle aus Chemnitz, weite Hosen, man erkennt sich und näht sich die Baseballcaps zur Not auch selber. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Musik, sie organisieren die Platten und bald die Partys im Jugendclub oder illegal in besetzten Häusern dazu. Und irgendwann – Nachwendezeit – beschließen die Jungs ein Festival zu machen. Draußen am Stausee in Rabenstein. Kollegen aus der Musik-Szene lächeln mitleidig, die Bewohner verständnislos: der Badebetrieb, die Massen, der Müll, der Lärm! Was soll das: Hip-Hop?

Zehn Jahre später schwärmen die Leute im Dorf vom Grillwürstchenverkauf im Vorgarten, Politiker versuchen im Wahlkampf zu punkten. Splash sei Imagewerbung für die Stadt und ein Bekenntnis zur Jugendkultur, sagt die Oberbürgermeisterin. „Das ist der Kuhhandel“, sagt Jan. Sollen sie sich doch mit fremden Federn schmücken, am Ende sei es ihnen wichtig, dass die Leute sie hier verstehen. Für die Rabensteiner bieten sie Führungen über das Festivalgelände, damit sie wissen, was da überhaupt passiert.

Der Wasserkocher rauscht, es ist ruhig hier, keine Musik zu hören, kein Geschrei über den Flur. Das Booking steht, der Vorverkauf läuft. Die Sorgen um die Zukunft des Festivals sieht man ihnen nicht an.

„Kurz haben wir an Insolvenz gedacht“, sagt Jan. Aus, fertig, das wär’s. Aber dann hätten sie mit Freunden gesprochen, und es ging nicht. „Splash“, sagt Jan etwas pathetisch, „ist schließlich unser Baby“. Mit ein paar Zelten und einer Bierbude haben sie damals angefangen. Jetzt gibt es sechs Bühnen und vier Party-Zelte, es gibt Graffiti-Wettbewerbe, Skate-Plätze und die DJ-Weltmeisterschaften im Scratchen. Das Festival kostet 1,8 Millionen Euro. Als sie angefangen haben, waren es gerade mal 20 000 Mark.

„Wir sind glaubwürdig“, sagt Mirko Roßner, zuständig für Logistik und Organisation bei Splash. Das sei der Unterschied zu anderen Festivals. Man könne kaum lernen, was gerade „in“ ist. Und wer es versucht, werde entlarvt. Sie kommen selbst aus der Szene. Credibility auf sächsisch. Neulich, sagt Mirko, habe er mit einem Typen gesprochen, der ihre Bitte um Sponsoring abgelehnt hatte. Wieso sie Splash nicht fördern wollten, hat er gefragt. „Ihr wart zu professionell“, habe der gesagt. Sie hatten als Präsentation einen Kurzfilm geschickt, aufgenommen beim Flug über das Gelände. Größere Festivals schickten gerade mal einen Flyer. Das sind Aufschneider, dachte der Sponsor.

Doch würden Aufschneider, die mal eben Jan Delay, Samy deLuxe oder Curse überreden können, kurz nach Chemnitz zu reisen? Ohne Gage? Na also.

Früher haben sie fast alle noch eine Ausbildung gemacht und immer nebenbei gearbeitet. So lange, bis das mit dem Festival nur noch Vollzeit ging. Als das erste Festival stand, sei das wie ein Rausch gewesen, sagt Mirko. Jetzt sei es ein Job, nur: wie lange werden sie diesen noch haben?

In diesem Jahr sitzen zum ersten Mal auch die Chemnitzer Philharmoniker bei „Splash Meets Classic“ mit auf der Bühne. Ein Orchester von achtzig Mann spielt die Synthie-Sounds mit Geigen, Celli und Schlagzeug nach, und neben dem Dirigenten steht der Rapper.

Zurück in diese Chemnitzer Halle. Mirko steckt sich eine Zigarette an. „Sitzreihen auf sechs reduzieren, würde ich sagen“. „Meinst du, die Stühle reichen?“. „Klar, wir sind doch kein Sitzkonzert“.

Spontan nach Chemnitz? Mit dem Auto dauert die Fahrt drei Stunden. Beginn: 19.30. Tickets: ab 20 Euro. Mehr im Netz: www.splash-festival.com

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