Werbinich : Begeistert von der Form der Sprache

Der Rektor des Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, erinnert sich an seinen Lateinlehrer

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Mein Lateinlehrer hatte ein Holzbein. Folge einer Kriegsverletzung. Als klassischer Philologe hatte er das Wort „danger“ nicht verstehen können, das auf dem Minenfeld stand. Peng, da war es um sein Bein geschehen. Wenn er uns diese Geschichte erzählte, klang das „peng!“ jedes Mal wie ein knalliger Gewehrschuss mit langer, nasaler Endung. Wir lachten über diese Geschichte, obwohl sie eigentlich nicht zum Lachen war.

Über vieles lachten wir in diesem Unterricht. Herr Klein hatte die Gabe, sich so über Menschen und Ereignisse aufzuregen, dass es ein Vergnügen war, ihm zuzuhören. Zugleich war er eine Autorität. Wenn er die Klasse betrat, wurde es still. Unerbittlich sorgfältig war er im Umgang mit der Sprache. Das Lateinische war für ihn ein Gesamtkunstwerk, das es zu entdecken galt. Wie oft hoffte ich, dass diese Entdeckungsfahrt einmal ein Ende haben würde! Aber Herr Klein entdeckte immer neue Phänomene, Regeln und Ausnahmen aller Art.

Eines Tages begannen wir mit der Lektüre von Ovids „Metamorphosen“. Hausaufgabe war die Übersetzung der ersten sechs Verse. Ich verstand kein Wort. Den anderen ging es ähnlich. Herr Klein betrat die Klasse, setzte sich auf den Tisch, schlug das Holzbein über das gesunde Bein und fing an, die ersten Verse von Ovid vorzulesen: „In nova fert animus…“ Als er geendet hatte, hob er den Blick über den Buchrand und schaute in die Runde. Wir gingen in Deckung. Hoffentlich nimmt er mich nicht ran! Sein Blick schweifte hin und her. Dann öffnete er den Mund und sagte: „Jungs, ist das nicht wunderbar?“ Es war, als schimmerte eine Träne in seinen Augen.

Ich konnte damals nicht verstehen, wie man einen so angsterregend schwierigen Text schön finden kann. Erst Jahre später begriff ich, dass Sprache ergreifen kann, nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern auch wegen ihrer Form. Und erst da begriff ich, wie sehr mich dieser Mann geprägt hatte, wie sehr er mein Sprechen und meinen Umgang mit Sprache beeinflusst hat. Ich wollte es ihm zwölf Jahre nach meinem Abitur danken. Also rief ich bei ihm privat an. Am anderen Ende der Leitung meldete sich seine Frau und teilte mir mit, dass ihr Mann vor einem Jahr gestorben sei.

Nun bin ich selbst Lehrer geworden. Als solcher füge ich hinzu: Zu einem guten Lehrer gehört, dass er von seinem Fach begeistert ist, so begeistert, dass er andere daran teilhaben lassen möchte.

Klaus Mertes hat ein Buch für Lehrer geschrieben. Es heißt: Verantwortung Lernen. Schule im Geist der Exerzitien.

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