Berliner versus Zugezogene : Der Provinzler in uns

Wir Berliner halten uns für weltoffen, aber kennen nur unseren Kiez. Und wollen nah bei Mama wohnen.

Elena Senft
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Ist doch schön hier. Wohin man abends ausgehen kann, weiß der Berliner nicht so genau. Trotzdem lobt er die große Vielfalt der...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Früher habe ich mal am Zionskirchplatz in Mitte gewohnt, an der Grenze zu Prenzlauer Berg. Die schönste Zeit dort war Weihnachten, denn in diesen Tagen konnte ich mir immer zwischen hundert Parkplätzen einen aussuchen. An Weihnachten vergisst man hier, dass man in einer Großstadt wohnt. Nicht nur, weil es viel mehr Parkplätze als Autos gibt, sondern weil auch sonst alles leer und still ist. Auch die Cafés sind zu. Weil keine Kunden kommen und weil die Cafébetreiber selber auch nach Hause fahren und zu Hause nicht Berlin ist. In den einschlägigen Berliner Bezirken wohnen nur noch zugezogene Provinzler? Alter Hut, ich weiß. Und daher Zeit, um für die ambitionierten Zugezogenen eine Lanze zu brechen.

Für die, die nicht einfach nur hier einen Studienplatz oder einen Job gefunden haben, sondern bei denen es unbedingt Berlin sein musste. Für die, die bei Gesprächen über die ganz speziellen Einblicke in die Seele dieser Stadt dozieren, die Buttons mit dem Aufdruck „Kreuzkölln“ tragen und die „Berlin echt verstanden“ haben. Wenn sie fragen, aus welchem Nest man selber komme und man „Berlin“ antwortet, sagen sie „oh, das trifft man ja selten“, dann hüsteln sie verlegen und gehen sich einen neuen Wodka-Gurke holen.

Sie haben unrecht. Denn man trifft junge Berliner überhaupt nicht selten in Berlin. Man trifft sie eigentlich überall dort, wo sie geboren wurden und keine Ströme von jungen Zuziehern sie wie in der Minderzahl wirken lassen. Denn nur sehr widerwillig verlässt ein Berliner dauerhaft seine Stadt, oft nicht mal gern seinen Bezirk. Okay, wenn man vom Ku’damm kommt, darf man beim Verlassen des Elternhauses bis zum Hermannplatz ziehen. Aber nur, weil da der 129 ohne Umsteigen durchfährt. Abitreffen finden bei Berlinern einmal im Jahr statt. Sie sind leicht zu organisieren, denn keiner muss sich dafür eine Unterkunft suchen. Dafür sind die Treffen auch unspektakulär, denn man sieht sich ja eh regelmäßig – sind ja fast alle noch da!

Der junge Berliner schneidet schon auf Klassenfahrten im Landschulheim in St. Peter-Ording gern mit seiner Herkunft auf. Weil ihn sofort der Nimbus des weltoffenen, kosmopolitischen, toleranten Großstädters umweht. Leider bricht dieses Bild zusammen, wenn der Provinzler aus dem Landschulheim den Berliner nach dem Abi dann mal besucht, um mal so richtig die Sau rauszulassen, und der Berliner tief über ein Faltblatt der BVG gebeugt mit dem Finger die Linien der Ringbahn abfährt und für die Abendplanung keinen illegalen Club parat hat, sondern verkrampft die „zitty“ aufschlägt. Dabei ist das logisch. Denn Berliner Schüler wohnen auch bis zum Abitur in einer Kleinstadt, in ihrem Kiez nämlich. Welcher Zehlendorfer fährt schon abends um acht für zwei Bionaden nach Friedrichshain, wenn er um elf wieder zu Hause sein muss? Schüler, die in Duisburg wohnen, gehen doch auch nicht in Krefeld aus.

Selbstverständlich will die Berliner Jugend nicht zugeben, dass sie sich schlechter in den coolen Bezirken auskennt als Menschen aus Schwetzingen. Und ein defensives „am Fehrbelliner Platz kann man aber echt auch was machen“ bleibt ungehört. Die dazu auch noch besser gekleideten Zugezogenen verschwinden in den „Rodeo Club“, denn natürlich wissen sie, wo der gerade beherbergt ist. Der Berliner kennt diese Insidertipps kaum. Oft reichen ihm schon die theoretisch unendlichen Optionen der Großstadt. Es gibt Leute, die ihr Leben lang in Spandau sitzen und sagen, an Berlin gefielen ihnen die unbegrenzten kulturellen Möglichkeiten. Leute, die sagen, sie seien stolz darauf, Berliner zu sein, es aber bis heute nicht geschafft haben, sich zur Reichstagskuppel zu schleppen, die Schlange der Zugezogenen war einfach immer zu lang. Klar, dass man eher als Tourist den Kölner Dom besteigt, als als Kölner. Bloß wird dem Berliner diese Banauserie viel öfter vorgehalten. Gefundenes Fressen für Zugezogene, um ihre eigene stadtkennerische Überlegenheit zu unterstreichen.

Der Berliner versteckt seinen kleinen Minderwertigkeitskomplex hinter Trotz und Fremdenhass und bricht in überhebliches Gelächter aus, sobald jemand „Bernau“ auf der ersten Silbe betont. Er behauptet, man wolle deswegen nicht in Prenzlauer Berg Kaffee trinken, weil dort nur Idioten seien, und nicht etwa, weil er auf der Danziger Straße immer in die falsche Richtung läuft. „Das ist ja überhaupt nicht mehr Berlin, hier wohnt ja kein Berliner mehr“, meckert er. Der Zugezogene könnte nun sagen: „Na, wenn das so ist, dann lass uns doch Prenzlauer Berg und du kannst Schmargendorf haben.“

Ein Paradox: Menschen, die die 11. Klasse im Ausland verbringen und Weltreisen planen, um möglichst viele fremde Kulturen kennenzulernen, rümpfen die Nase, wenn jemand mit Hornbrille neben ihnen sitzt und in sein iPhone schwäbelt. Provinz wird zum Schimpfwort. Auch das ist paradox, denn meist ist der größte Provinzler der Berliner selbst. Nach dem Abitur fehlt oft ein wichtiger emanzipatorischer Schritt: Der Studienplatz wird in Berlin gesucht, die Abnabelung von daheim fällt aus. Eine Tatsache, die dazu führt, dass die Berliner Studenten bereits mit einem bewährten Sozialleben, mit Stammcafés und -freunden an die Uni kommen, während die „Provinzler“ auf der Suche nach Neuem sind: neue Freunde, neues Leben ohne Mama, die jeden Sonntag zum Essen einlädt. Der Berliner hingegen verharrt im Kleinen der Großstadt. Er wird auch im Alter von 30 Jahren, wenn die vermeintlich kleinstädtischen Provinzler bei ihren Eltern längst den Status von gern gesehenen Besuchern haben, noch von seiner Mutter hören, sie habe die Mutter von der Stefanie aus der 8b bei Bolle getroffen und die sei ja jetzt wieder Single.

Das Großstadt- und Freiheitsgefühl, das Zugezogene nach Berlin geführt hat, kennen die meisten Berliner so nicht. Sie sind unbeeindruckt und auch ein bisschen neidisch auf diese Euphorie. Aber das Glück des Hiergeborenen – falls es denn überhaupt eins ist – kann ja nicht jeder haben. Und die Lösung wäre ja wohl kaum, dass jeder, der in Wanne-Eickel geboren wird, dort bleiben muss. Und vor allem: Jeder der Berliner Meckerer würde es doch genauso machen!

Bleibt ein Kompromiss: Wenn die Zugezogenen aufhören, Sätze zu sagen wie „Wieso weißt du denn nicht, wie man von hier zum Helmholtzplatz läuft, du kommst doch schließlich aus Berlin“, hören die Berliner auf zu meckern, wenn wieder ein Zugezogener zum Fernsehturm „Alex“ sagt. Wir waren zwar noch nie oben, aber wir wissen, wie er heißt.

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