Werbinich : Bewährung in der Produktion Marianne Birthlers Schule wurde 100 Jahre alt

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Das rote A neben dem Namen im Klassenbuch stand für „Arbeiterkind“. Wer ein A hatte, bekam die Schulspeisung umsonst. Marianne Radtke hätte gerne ein A gehabt, ihre Mutter arbeitete auch fleißig, nur eben nicht an der Werkbank eines sozialistischen Musterbetriebes, sondern im Schnapsladen in der Markthalle am Alexanderplatz als „kleine Kapitalistin“. Ist trotzdem was aus der Marianne geworden. Heute heißt sie übrigens Birthler mit Nachnamen und ist die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen.

1962 kam Marianne Birthler auf die Georg Friedrich Händel Oberschule in Friedrichshain, vergangene Woche saß sie zusammen mit anderen „Zeitzeugen“ in der Turnhalle, weil die Händel Schule 100 Jahre alt geworden ist. Birthler erinnert sich besonders gerne an „Herrn Müller“, der Turnen unterrichtete und der Schwarm aller Schülerinnen gewesen sei. Man munkelte, er habe etwas mit einer Sportlehrerin gehabt, aber eindeutige Beobachtungen blieben aus.

Neben Herrn Müller gab es noch Herrn Schwarz, den Kunsterzieher. Der habe seine Schüler zur Auflockerung große Kreise auf Zeitungspapier pinseln lassen und ein bisschen Gymnastik verordnet, damit nicht wieder alle zwanghaft nach dem Vorbild von „Tante Friedas Zierdeckchen“ malen. Aus der Rückschau finde sie diesen Unterrichtsaufbau „fast genial“, ruft Birthler.

Die Händel Oberschule am Frankfurter Tor wurde 1907 als Mädchenschule eröffnet. Heute ist die Schule ein musikbetontes Gymnasium. Als Marianne Radtke die Schule besuchte, gab es noch keinen musikalischen Schwerpunkt. Bewähren mussten sich die Schüler eher in der Produktion und beim Ernteeinsatz. Parallel zur Vorbereitung auf das Abitur lief eine Ausbildung zum Facharbeiter. Schülerin Radtke lernte Verkäuferin der Fachrichtung „Photo, Optik, Uhren, Schmuck“. Die Händelschule sei immer liberaler gewesen als andere Lehranstalten, sagt Birthler. Ein Lehrer leistete sich sogar, zwischen den Zeilen recht deutlich zu werden: „Merken Sie sich eins: Wenn alle einer Meinung sind, ist was faul.“ loy

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