Bist du ein Hochstapler? : Zwischen wahren Lügen und langweiligen Geschichten

Geschichten passieren nicht, Geschichten werden erzählt - Unser Kolumnist berichtet.

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Eine gute Lüge ist besser als eine langweilige Geschichte - das macht Bücher so reizvoll.
Eine gute Lüge ist besser als eine langweilige Geschichte - das macht Bücher so reizvoll.Foto: dpa

Wir hatten uns lange nicht gesehen. Sie war gerade zurück von ihrer großen Reise. Und eigentlich sollte es eines dieser Gespräche werden, bei denen man in stiller Verzückung schweigt. Sie die bewunderte Erzählerin; ich ihr aufmerksames Ein-Mann-Publikum. Ich erwartete Heldentaten, Abenteuer, zumindest ein paar absurde Anekdoten. Und dann – das.

Je länger wir redeten, desto mehr schrumpften ihre acht Wochen Indien auf eine Lebensmittelvergiftung, akuten Durchfall und einen Streit mit ihrer besten Freundin zusammen. Es war doch auch schön, oder? Ja, ja schon. Aber weißt du, dieser Durchfall …

Geschichten passieren nicht, Geschichten werden erzählt. Ein kluger Mann hat das mal gesagt. Dieser Mann ist vermutlich einer der größten Hochstapler der Welt – und der beste Geschichtenerzähler. Er kommt aus Schottland, getroffen haben wir uns in Ghana, er heißt Billy Griffith. Und ich glaube, er hat recht.

Es ist doch so, wir alle kriegen nie genug von Geschichten. Geschichten erzählen ist die größte Kunst. Deshalb lesen wir Bücher, gehen ins Kino, schauen Serien. Oder wir hören Leuten wie Billy zu. Meine drei Lieblingsgeschichten von Billy: Wie er seine Mutter in einem Postamt überfiel. Wie er die Namib-Wüste mit dem Lkw durchquerte und dabei fast verdurstet wäre. Wie seine Ex-Frau ihn mit seinem besten Freund betrog und er kurz davor war, beide abzuknallen.

Billy liebt die Übertreibung. Aber es ist nicht alles geflunkert – und wenn schon: In unserer Erinnerung verschwimmt die Grenze zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit ohnehin. Letztlich ist unser Leben doch nichts anderes als eine Geschichte, die wir selber glauben müssen.

Am liebsten erzählt Billy die Geschichte, die sein Leben ist: Erst war er Drogenbaron in England, dealte mit Koks und Heroin, saß 13 Jahre im Knast wegen Drogenhandels und bewaffneten Raubüberfalls. Dann war da dieses faustgroße Blutgerinnsel, an dem er fast gestorben wäre. Danach: Bekehrung, der Weg zu Gott, Missionar in Afrika, Pastor. Seit 15 Jahren.

Frage: Müssen wir etwas wirklich erleben, oder reicht es nicht, wenn wir felsenfest daran glauben, es erlebt zu haben? Billy würde sagen: Eine gute Lüge ist besser als eine langweilige Geschichte. Übrigens, es gibt Billy wirklich. True Story. Ich habe Beweise. Aber nur mal angenommen, es gäbe ihn nicht – hättest du diese Kolumne dann weniger gern gelesen?

Constanze, magst du Musikfestivals?
Nächstes Mal antwortet an dieser Stelle Constanze Bilogan.

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