Werbinich : Brandneue Menschen

Die alten Chinesen wundern sich: Die Jungen trinken Kaffee aus Pappbechern und knutschen im Park

Harald Maass[Peking]

Abends sieht man sie in der Wangfujing-Einkaufstraße. Junge Pekinger, die mit ihren Skateboards über die Stufen vor der alten Kirche rollen. Sie haben die Haare dunkelrot gefärbt, die Mädchen tragen unter ihren Röcken Jeans. „Xinxin Renlei“ werden diese Mädchen und Jungs in China genannt – „brandneue Menschen“. Sie sind die erste Generation, die in der Zeit der Wirtschaftsöffnung und Reformen aufgewachsen ist. Tagsüber lernen sie für die Aufnahmeprüfung zur Uni, nachts tanzen sie durch Pekings neue Bars.

Die einstige Kaiserstadt Peking ist heute eine Megametropole. Mehr als 14 Millionen Menschen leben in Stadt. Peking ist in ständiger Veränderung, überall wird gebaut, drehen sich Baukräne und knattern Presslufthammer. Die einstigen Altstadtviertel, die Hutongs mit verschwiegenen Innenhöfen und steinernen Drachen vor der Tür, verschwinden. Neue Hochhausviertel entstehen.

2008 finden in Peking die Olympischen Spiele statt. Bis dahin soll die Stadt ihr graues, sozialistisches Image der Vergangenheit los werden. Statt der rauchenden Busse aus der Mao-Ära sollen dann moderne Flüsterbusse über die breiten Ringstraßen gleiten.

Schon heute gibt es wie in Berlin an jeder Ecke Kaffeehausketten, die Muffins und Kaffee in Pappbechern verkaufen. Die Jungen mögen diese Cafés, weil es dort ein bisschen Privatsphäre gibt. Wohnraum ist in China teuer. Viele junge Leute leben bis nach dem Studium oder bis sie heiraten zusammen mit den Eltern in winzigen Wohnungen.

Peking ist keine Stadt, in der man sich ausruhen kann. Viele Geschäfte und Restaurants haben rund um die Uhr geöffnet. Überall leuchtet, blinkt und lärmt es. Um zwischen den Hochhäusern und Schnellstraßen zu verschnaufen, gehen die Pekinger in die Parks. Im Tiantan (Himmelstempel) kann man morgens den alten Leuten bei der Frühgymnastik zuschauen oder beim Schachspielen. Abends aber erobern Pekings Pärchen die Parks. Händchenhaltend sitzen sie im Halbdunkel auf den Parkbänken. Auf manchen Seen gibt es auch romantische Bootsfahrten, bei denen kleine Kerzen auf dem Wasser schwimmen.

Wenn es schnell gehen muss, geht man in Peking wie in Deutschland zum Einkaufen ins Kaufhaus oder den Supermarkt. Mehr Spaß macht das Shoppen jedoch auf den Märkten. Wie alle Chinesen lieben Pekinger das Handeln. Ob in den kleinen Boutiquen in Xidan, in denen man für wenig Geld die neuesten Sachen aus Japan und Hongkong kaufen kann, auf dem großen Antiquitätenmarkt im Süden der Stadt, wo jedes Wochenende tausende Pekinger alte und auf alt getrimmte Gegenstände kaufen, oder auf den kleinen Gemüsemärkten, die es selbst in den teuren Wohnvierteln gibt. Überall wird gehandelt. Bei Besuchern beliebt sind vor allem die Kleidermärkte und Pekings Schmuck- und Perlenläden.

Vor fünf Jahren eröffnete Bai Fang die erste Bar am Houhai-See – damals noch ohne Lizenz. „Wuming Jiuba“ nannte er die kleine Holzhütte inmitten von Peking mit Blick auf den nächtlichen See – „Bar ohne Namen“. Die Gäste kamen offiziell als Freunde zu ihm. Das Geld für den Gin Tonic oder das Qingdao-Bier steckte man Bai Fang heimlich zu. Um den See sah es damals aus wie auf einem Dorf: Halb zerfallene graue Hofhäuser mit geschwungenen Dächern, vor denen die Alten in blauen Mao-Anzügen Tee tranken.

Heute ist die Gegend um den Houhai-See so etwas wie der Hackesche Markt Pekings. Aus Dutzenden Bars schallt die Musik. Bunte Lichterketten und Neonreklame spiegeln sich auf der Wasseroberfläche. Entlang dem Ufer stehen gemütliche Sofas, in denen man bis in den frühen Morgen Cocktails trinken kann. Ein anderes Weggehviertel ist die südliche Sanlitun-Barstraße in der Nähe des Diplomatenviertels, wo vor allem junge Ausländer bis in den frühen Morgen feiern. Beliebt bei Studenten sind die Bars und Clubs im nördlichen Haidian-Viertel. Wie alles in Peking ist auch die Ausgehszene permanent im Umbruch: Jede Woche machen neue Bars und Clubs auf und verschwinden wieder. Im Sommer trifft man sich zum Tanzen auf der Großen Mauer. Im Winter legen immer häufiger auch Star-DJ’s aus Europa und den USA in Pekings Clubs auf.

Vorbei ist die Zeit, als Peking die Hauptstadt der Fahrräder war. Viele können sich heute ein Autos leisten. Dazu kommen unzählige kleine rote „Xiali“-Taxis. Fast immer gibt es Staus – dabei kostet die U-Bahn nur drei Yuan (etwa 30 Cent).

Im Gegensatz zu den Großstädten Schanghai oder Hongkong ist das Leben in Peking noch vergleichsweise billig. Ein große Flasche Yanjing-Bier kostet in vielen Restaurants nur drei Yuan (30 Cent). Ein Essen gibt es für unter zwanzig Yuan (zwei Euro). Wer sich in Peking jedoch etwas Luxus erlauben will, muss dafür bezahlen: Ein Milchkaffee oder ein Bier in einer besseren Bar kostet 25 Yuan – mehr als ein Arbeiter am Tag verdient. Für einen Kinobesuch muss man sogar 50 Yuan zahlen. Die Folge ist, dass die meisten Pekinger Hollywoodfilme auf raubkopierten DVDs anschauen, die es an jeder Ecke sehr billig gibt.

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