Werbinich : Bruder Löwenherz

Sein Onkel will ihn töten. Trotzdem droht Moghim die Abschiebung. Wie ihm ein deutscher Junge hilft

Johanna Lühr

Dienstag, Ausstellungseröffnung im Anne-Frank-Zentrum. Stolze Gewinner eines Autorenwettbewerbs stehen neben ihren Geschichten. Ihre Fotos sind auf Stellwände gedruckt, daneben werden sie zitiert. Fast alle Preisträger des Jugendwettbewerbs „Kriegskinder“ sind gekommen. Nur einer ist nicht hier in Berlin: Moghim Mohammed. Er musste in Flensburg bleiben. Residenzpflicht.

Die Geschichte, für die Moghim den Preis bekommen hat, ist seine Lebensgeschichte. Eine ungeheuerliche Geschichte, die von Tod und Blutrache handelt, bis er 15 Jahre wird und aus Afghanistan nach Deutschland flüchtet. Das ist jetzt drei Jahre her. „Ich bin ein Kriegskind“ schreibt er, geboren 1988 in Afghanistan, „mit Eltern, Geschwistern, einem Haus und einer Heimat“. Als er 15 Jahre alt ist, lebt von seiner Familie nur noch die Schwester. Der Vater stirbt während des Krieges, als das Haus abbrennt. Die beiden kleinen Brüder werden von einer Rakete getötet. Er flüchtet mit seiner Mutter nach Pakistan. Als sie nach Kabul zurückkehren, um von den Brüdern den Besitz ihres Vaters zurückzufordern, wird die Mutter im Streit so sehr getreten, dass sie später an den Verletzungen stirbt.

Dann geht alles ganz schnell. Moghim schleudert einen Stein. Die Familie fordert Blutrache. Moghim flieht. Drei Monate später landet er in Hamburg. Allein, ohne Geld und mit 5000 US Dollar Schulden. Die hat er für die Fluchthelfer geliehen. Es ist eine unglaubliche Geschichte. Aber die eines Kindes. Für eine Aufenthaltsgenehmigung wäre eine handfeste politische Verfolgung vielleicht besser gewesen.

Moghim ist knapp über 15 Jahre, als er in Deutschland ankommt. Die ersten Monate wohnt er in einem Kinderheim, mit 16 muss er in eine Flüchtlingsunterkunft für Erwachsene umziehen. Die Volljährigkeit beginnt für Flüchtlingskinder schon mit 16. Moghim muss in der Stadt bleiben, in der es gemeldet ist. Für Fahrten wie die nach Berlin braucht er eine Genehmigung von der Ausländerbehörde. Ämtergänge gehören zum Flüchtlings-Alltag. Aber um den Wust aus Regeln, Gesetzen und Bestimmungen zu verstehen, muss man Experte für Ausländerfragen sein. Flüchtlinge sind das eher selten, Jugendliche schon gar nicht. Der Verein Lifeline, der sich um minderjährige Flüchtlinge kümmert, sucht einen Vormund für Moghim und findet Familie Honsen.

Die Honsens wohnen dreißig Kilometer von Flensburg entfernt. Eigentlich soll der Vormund da wohnen, wo Moghim wohnt, also direkt in Flensburg. Aber diesmal drücken die Behörden ein Auge zu. Der Besuch wird gestattet. Moghim hat jetzt einen Ort, wo er hingehen kann. Am Wochenende und in den Ferien ist er bei den Honsens zu Hause. Die Geschwister Nanning, 13, Tine, 15, und er. Vertrauen hat Moghim vor allem zu der Mutter. Fast jeden Tag trifft sie ihn nach der Schule in Flensburg. Er ist anhänglich wie ein Kind. Ein 18-Jähriger, steinalt an Erfahrungen und doch so hilflos. Nanning ist fünf Jahre jünger, fröhlich und selbstbewusst. Am Anfang habe er Moghim irgendwie merkwürdig gefunden, sagt Nanning. Meistens habe er geschlafen, wenn er bei ihnen war. Dann ist er langsam aufgewacht. Und die Jungs haben sich befreundet. Ohne viel Worte. Wenn er zu ihnen kommt, spielen die beiden Fußball im Garten. Einmal hat Nanning Moghim in seinem Zimmer in der Obdachlosenunterkunft in Flensburg besucht, auf ein Glas Wasser. Sehr schön sei es da nicht gewesen.

Die Jury vom Anne-Frank-Zentrum rührt die Geschichte von Moghim. „Kriegskinder“ heißt das Thema, das sie letztes Jahr als bundesweiten Jugendwettbewerb ausgeschrieben hat. Beiträge aller Art sind erlaubt. Und alle Kriege. Es muss nicht um den Zweiten Weltkrieg gehen. Über tausend Schüler machen mit. Filme, Essays und Power-Point-Präsentationen sind darunter, aufwändige Arbeiten. Moghim schickt seine Geschichte, mit der Hand geschrieben auf ein paar Blatt losem Papier. Er wird einer von sieben Preisträger und fährt im Februar zur Preisverleihung nach Berlin. Es wird ein schönes Wochenende. Bundespräsident Horst Köhler schüttelt ihm die Hand. Man ist beeindruckt von diesem afghanischen Jungen. Moghim zieht mit den anderen Kindern durch die Stadt. Dann kehrt er nach Flensburg zurück.

Drei Monate später. Moghim ist inzwischen 18 geworden. Kein Grund zum Feiern für einen Flüchtling. Denn die Abschiebung rückt immer näher. Je älter, desto schneller. Alle zwei Wochen muss Moghim sich melden, alle zwei Wochen wird seine Duldung verlängert. Oder eben nicht. Moghim wohnt in einem Obdachlosenheim. Ein Einzelzimmer. Jeden Tag um fünf Uhr muss er sich einen Stempel holen, um zu zeigen, dass er am Abend wieder da ist. Wenn er ihn verpasst, kostet es sechs Euro die Nacht. Das ist bei 180 Euro im Monat nicht wenig.

„Ich hab’ keine Chance in Afghanistan“, sagt Moghim am Telefon. Er stottert, manchmal muss man lange auf das Ende seiner Sätze warten, weil die Worte nicht herauskommen. Er spricht von Berlin und der Preisverleihung und „Horst Köhler“. Er sagt dessen Namen immer wieder, wie den eines guten Freundes. Die Begegnung war ein Hoffnungszeichen für ihn: Er hat ihm die Hand gegeben! Doch sein Freund hat ihn ziemlich enttäuscht. Er wolle nicht zurück nach Afghanistan, sagt er. Er kenne dort niemanden.

Ein Flüchtling, das ist einer auf Zeit. Ein Gast, der irgendwann wieder gehen soll. Manch einer würde das vielleicht sogar gerne tun. Wenn er freiwillig gekommen wäre. Aber Kinder werden nie gefragt. Wie es Moghim in Deutschland geht, weiß man nicht. Er sagt, gut und dass er viele Freunde hat. Flüchtlinge müssen das sagen, weil alles andere undankbar wäre.

„Es ist quälend, was die da machen“, sagt Nanning am Telefon, und es hört sich merkwürdig erwachsen an, für einen 13-Jährigen. Sich ausgeschlossen fühlen, das kennt er nur vom Sport. Er spielt American Tackle Football, in einem dänischen Verein gleich hinter Flensburg. Dort, weil die Sportart in Deutschland für Kinder unter 16 Jahren verboten ist. Eines Tages hat der dänische Verein alle deutschen Kinder aus dem Team geschmissen. Da habe er sich zum ersten Mal richtig „abgestoßen“ gefühlt. Aber das sei schließlich nur ein Spiel, sagt er. Das mit Moghim ist kein Spiel. Und Nanning denkt sich etwas aus.

Als er in der Schule lernt, eine eigene Homepage zu machen, bastelt er eine für Moghim: „Und Ihr seid vielleicht Leute, die ums Überleben gekämpft haben, und jetzt kommt plötzlich Eure Abschiebung. Das ist nicht gut. Wir wollen eine Gemeinde gründen, die hilft, hier in Deutschland zu bleiben“ steht da in Schwarz auf Pink geschrieben, danach folgen etwa dreißig Ausrufezeichen. Darunter kommt Moghims Text und die Fotos vom Handshake mit Köhler. Auch Nannings Schwester hat einen Text geschrieben mit allen erdenklichen Fakten über die Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Wenn er gelernt habe, Audiodateien einzufügen, schreibt Nanning im Impressum, sollen noch Radioberichte mit auf die Seite. „Ich hab ja keine Kamera oder Mikrophon“, sagt Nanning, also würde er einfach online gehen. Das kostet nichts und alle können mitmachen. Für das Jugendportal „Helles Köpfchen“ schreibt er als Jugendreporter und seit er die Moghim-Seite hat, bekomme er jede Menge E-Mails. Jetzt will er die Seite (http://fareast.fa.funpic.de) mit möglichst vielen anderen verlinken. Eine Link-Gemeinde im Internet für Moghim und all die anderen.

Noch ist Moghim da, aber die Duldung ist abgelaufen. Ab sofort kann er jederzeit abgeschoben werden. Flensburg darf er nicht mehr verlassen. Die Ausstellung im Anne-Frank-Zentrum mit seiner Geschichte läuft noch bis September in Berlin. Dass er sie sehen wird, ist unwahrscheinlich. Aber auch die Honsens, die außerhalb der Stadt wohnen, darf er nicht mehr besuchen. Die Behörden haben wieder beide Augen aufgemacht. Sein Pass heißt jetzt „Grenzübertrittsbescheinigung“. Dieses Papier berechtigt nicht zum Aufenthalt. Es dient eigentlich nur der Ausreise, muss an der Grenze der Bundespolizei vorgelegt werden.

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