Werbinich : Das Besenwunder

Viele Schulen sind schmutzig. Sauberer ist es, wo Kinder mitputzen und Schmierfinken bestraft werden

Susanne Vieth-Entus

Frage: Schule A liegt im selben Bezirk wie Schule B, erhält den selben Betrag für die Reinigung und ist trotzdem doppelt so sauber. Woran liegt das?

Antworten erhält man, wenn man sich in der Schöneberger Spreewald-Grundschule umhört, die so sauber ist, dass man vom Fußboden essen könnte. Das liegt zum einen an Schulleiter Erhard Laube, der die Sauberkeit zur Chefsache erklärt hat. Anders als viele seiner Kollegen weiß er genau, was die Reinigungsfirma zu putzen hat und kann es entsprechend kontrollieren. Hinzu kommt, dass die Schüler sich für den Zustand des Gebäudes verantwortlich fühlen: Sie helfen nicht nur beim Putzen, sondern machen auch weniger schmutzig und kaputt als andere Schüler.

Wie erreicht man das? Zum Beispiel, indem die Schüler die Putzfrauen persönlich kennenlernen. Dann wissen sie, wer darunter zu leiden hat, wenn sie auf die Treppe spucken oder Papierrollen in der Toilette versenken. Deshalb hält Laube es für wichtig, dass immer die selben Putzfrauen kommen und dass sie nicht nachmittags oder nachts putzen, wenn keiner da ist, sondern vormittags. „So können die Frauen die Kinder auch ansprechen, wenn ihnen etwas auffällt.“

Laube ist auch bei der Aufsicht konsequent. Er und seine Kollegen inspizieren die Toiletten regelmäßig, um Schmierfinken sofort zu entdecken, damit Verwahrlosung gar nicht erst entsteht. Wenn man das eine Weile durchhalte, könne man wieder Papierrollen aufhängen, ohne dass sie versenkt werden oder als feuchte Papierkügelchen an der Decke kleben.

„Unsere Kinder wissen gar nicht, dass solche Kügelchen an der Decke haften“, sagt Laube, „weil wir immer alles sofort entfernen“. Längst konnten auch Seifenspender und sogar Papierhandtücher aufgehängt werden, ohne dass alles in der Gegend herumfliegt. Außerdem hat Laube es immer wieder geschafft, über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) vom Arbeitsamt zusätzliche Helfer zu bekommen, die den Hausmeister unterstützen. Gerade sucht er Leute mit handwerklichem Geschick, die einen Ein-Euro-Job bei ihm machen wollen, zusätzlich zum Hausmeister. Denn ein fester Hausmeister, der sich auch mit der Schule identifiziert, sei ganz wichtig.

Viele Schulleiter sprechen davon, wie wichtig es für die Sauberkeit ist, dass sich Schüler und Lehrer mit „ihrer“ Schule identifizieren. „Das Wir-Gefühl ist wichtig“, sagt Sigrid Egidi-Fritz, Leiterin der Lichtenrader Grundschule am Dielingsgrund. Sie hat das Glück, dass der Hausmeister auf dem Schulgelände wohnt. „Er hat einen guten Draht zu den Kindern und ruft sofort die Reinigungsfirma, wenn es schmutzig ist“, sagt sie. Außerdem hätten die Kolleginnen „30 Jahre lang darauf geachtet, dass nichts verwahrlost“. Kürzlich untersuchte das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (Lagetsi) die Luft in Berliner Klassenzimmern auf Schadstoffe. Die Schule am Dielingsgrund nannte es im Abschlussbericht „ein Musterbeispiel für Sauberkeit, Ordnung und Kleinmängelabstellung“.

Weit weg von der Lichtenrader Idylle arbeitet Schulleiter Gerhard Rähme. Seine Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule in Kreuzberg liegt in einem schwierigen sozialen Umfeld. Trotzdem blitzen seine Schulflure. „Ich hole mir die Schüler jahrgangsweise in die Mensa und sage ihnen, wie unsere Schule funktioniert.“ Zweimal am Tag läuft er durch die Gänge und reagiert sofort, wenn etwas nicht stimmt.

Auch Michael Rudolph überlegt nicht lange, wenn er seine Schüler beim Spucken erwischt: „Sie müssen von zu Hause einen Eimer mitbringen, ihn den ganzen Tag bei sich tragen und nach der Schule das Treppenhaus wischen“, sagt der Leiter der Carl-Friedrich-Zelter-Hauptschule. Nachdem er das ein paarmal durchgezogen hat, sei so ein Fall nicht mehr vorgekommen. Wie in vielen Schulen stehen auch hier in jedem Klassenraum Besen und Kehrblech, weil die Kinder mittags selbst putzen. Außerdem werde jeder Graffiti-Sprayer verfolgt.

Thomas Herold von der Friedrichshainer Emanuel-Lasker-Realschule schwört auf seine Putzfirma. Weil die gut ist, gebe es keine Probleme, obwohl das Geld für das Saubermachen von den Bezirksämtern seit Jahren gekürzt werde.

Die Nachlässigkeit in manchen Schulen führt Gerhard Schmid, Leitender Oberschulrat von Friedrichshain-Kreuzberg auch auf die „Kumpanei zwischen Hausmeister und Putzfrauen“ zurück. Schludrige Putzfrauen hätten außerdem nicht überall mit Konsequenzen aus den Bezirksämtern zu rechnen. „Damit Firmen gekündigt werden kann, muss man nachweisen, dass man vorher auf die Mängel hingewiesen hat“, sagt Uwe Wetzel vom Bezirksamt Treptow-Köpenick. Es reiche nicht, nur den Vorarbeiter der Putzkolonne zu verwarnen.

Nur wenige Schulleiter geben zu, dass ihre Schule nicht sauber ist. Zu ihnen gehört Renate Preibusch-Harder von der Weddinger Rehberge-Grundschule. „Eltern, die das erste Mal kommen, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen“, sagt die Schulleiterin. Das fürs Putzen zur Verfügung stehende Geld reiche einfach nicht aus, um eine Schule sauber zu halten. Die Toiletten seien nach Schulschluss „total verdreckt“, weil die Putzfrauen erst mittags kämen und nicht zwischendurch wischen könnten. Hinzu komme, dass einige Pissoirs zu hoch hängen, so dass die Erstklässler gar nicht richtig heranreichen.

Im Friedrich-Engels-Gymnasium in Reinickendorf sind die Toiletten alt und unansehnlich, die Schülervertretung bemängelt, dass es an Toilettenpapier und Seife fehlt. Schulleiter Hermann Battenberg gibt zwar zu, dass hier nicht alles rund läuft, aber ganz unschuldig seien die Schüler daran auch nicht: Das Bezirksamt habe zwei Toiletten zur Probe sanieren lassen und dann damit aufgehört, weil die Schüler sofort wieder alles zerstört und mit Graffiti beschmiert hätten, berichtet Battenberg. Das habe aber nichts damit zu tun, dass die Gelder für die Reinigung gekürzt wurden – auch wenn das entnervte Eltern denken.

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