Werbinich : Das betagte „Frollein“ wusste Rat

Unsere Leserin Margot Nerlich brachte Pausenbrot für ihre Freundin mit

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Walli hatte immer eine Matrosenbluse an. Ob die dreckig war oder nicht, habe ich nicht gesehen. Walli war die Tochter der Portiersfamilie in einem typischen Kreuzberger Mietshaus. Im Hof war ein Böttgereibetrieb. In der Portierswohnung waren die Decken so niedrig, dass man im Schlafzimmer nicht stehen konnte. Zur Toilette außerhalb der Wohnung musste man ein ganzes Stück laufen. Wir selbst wohnten obendrüber, mein Vater war Zahnarzt, wir hatten vier Zimmer. Sicher, Wallis Eltern lebten in großer Not. Aber das spielte keine Rolle, wir haben trotzdem zusammen gespielt und sind jeden Tag nebeneinander in die Schule getrottet, in die Glogauer Straße.

Unserem „Frollein“ in der Schule, einer betagten, grauhaarigen Person fiel auf, dass Walli nie ein Pausenbrot mitbrachte. Sie sprach mit meiner Mutter darüber. Ab sofort bekam ich zwei Frühstückspäckchen mit, eins für Walli und eins für mich. Da war meistens eine Schrippe mit Salami drin und ein Apfel.

Es war ganz klar, dass die, die mehr Geld hatten, den Ärmeren halfen. Zumindest in Kreuzberg war das so. Und zumindest Anfang der 30er Jahre. Viele Mädchen in meiner Volksschulklasse hatten jeden Tag das Gleiche an, jahrelang, bis es in Fetzen hing. Wir spielten trotzdem alle zusammen.

Die Lehrer sind auch mit allen gleich umgegangen und führten die Schwächeren nicht vor. Sie waren zwar nicht besonders herzlich, aber wenn es wo fehlte, wenn es einem Kind schlecht ging, haben sie Anteil genommen. Es herrschte wirklich so was wie Solidarität.

So grausam wie sich heute Schüler gegenseitig quälen oder wie es an englischen Internaten der Fall sein soll, das gab es bei uns nicht. Wir haben uns als gleichwertige Personen respektiert. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich mich mein ganzes Leben lang immer um andere gekümmert. Lange habe ich als Berufsschullehrerin im Lette-Verein gearbeitet. Da waren viele Mädchen, die von Sonderschulen kamen, keinen Schulabschluss hatten und trotzdem etwas lernen mussten. Einige treffe ich heute noch, vielleicht, weil ich sie immer ernst genommen habe.

Margot Nerlich ist 79 Jahre alt. Sie hat als Berufsschullehrerin gearbeitet.

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