Werbinich : Das Denken anknipsen

Unsere Leserin Regina Stolzenberg hat erlebt, wie lehrreich Widersprüche sind

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Es war am Vorabend der 68er Revolte. Wir waren damals ein Haufen unbedarfter Mädchen, die sich dafür interessierten, wie sie an dem konservativen Mädchengymnasium den MiniRock durchsetzen können und ob die Beatles oder die Stones besser sind. Da konfrontierte uns eine Lehrerin im Geschichtsunterricht völlig unerwartet mit einer ethischen Frage, die sie aus dem Unterrichtsstoff ableitete – es ging um die Gerechtigkeit irgendeines Krieges, einer Revolution oder einer politischen Entscheidung in irgendeinem Zeitalter.

Wir antworteten arglos aus vorurteilsbeladener, konservativer Alltagssicht, ganz Volkes Stimme also. Sie fragte weiter, wir antworteten brav und ahnungslos. Dabei verstrickten wir uns mehr und mehr in Widersprüche, unsere Argumentationsbasis wurde dünn und dünner, bis sie uns schließlich mit einer entscheidenden letzten Frage endgültig mit dem Paradox unserer vorherigen Position konfrontierte.

Ich staunte ungeheuer darüber, dass ich diesen Zusammenhang nicht vorher gesehen hatte und war fasziniert von der Logik ihrer Beweisführung. Es war tatsächlich eine Erleuchtung, die diese äußerlich eher unscheinbare Frau mir vermittelte, ein Gefühl, als hätte sie einen Schalter angeknipst und damit mein Denken eingeschaltet. Keinem Lehrer davor oder danach, weder in der Schule noch später in der Universität, ist es je wieder gelungen, mich derart nachhaltig zu beeinflussen.

Auch wenn ich es damals noch nicht wusste: Heute bin ich mir sicher, dass es diese Geschichtsstunde war, die mein bis heute anhaltendes politisches Denken und Engagement initiiert und geprägt hat. Während alle anderen Lehrer Fertigkost verabreichten, die wir nur schlucken mussten, hatte sie uns selbst zu Köchinnen gemacht.

Diese Zusammenhänge sind mir erst viel später klar geworden. Damals ging für uns Schülerinnen der zähe Fluss des Schulbetriebs weiter und ließ uns mit seinen Anforderungen keine Zeit zum Nachdenken. Erst heute weiß ich, dass gute Pädagogik eigentlich immer so funktionieren sollte, wie diese Lehrerin sie im doppelten Sinn des Wortes „einmalig“ an uns praktizierte. Leider verschwand sie kurze Zeit später aus unserem Leben – man munkelte, dass sie gehen musste, weil sie zu „links“ war.

Regina Stolzenberg ist 53 Jahre alt und arbeitet als Medizinsoziologin an der TU.

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